Wortschwellen

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Wörter beeinflussen, wie wir uns selbst und andere und überhaupt die Welt wahrnehmen. Vielen Wörtern liegen Vorstellungen zugrunde, die unsere Phantasie und Handlungsmöglichkeiten einschränken - und das ist auch ihr Sinn: den großen Fluss des Daseins in begreifbare Einheiten umzuwandeln, ihm Griffe zu verleihen, ihn hand-habbar zu machen. Bloß: Was macht man, wenn man anstatt der herkömmlichen Handgriffe Fußgriffe braucht? Wenn die üblichen Grenzziehungen der Wörter quer zum eigenen Leben liegen? Es hilft, über die Wörter nachzudenken und über die Begrenzungen, die sie anlegen. Kennt man die Schwelle, kann man sie überqueren.


Mayday Hamburg 2007: "Behindert ist man nicht - behindert wird man!!"


Inhaltsverzeichnis

Behinderung

Jede Verkörperung ist eine Behinderung. Hätten Spatzen und Tauben zu bestimmen, erschiene die Installation von Rolltreppen in Bahnhöfen – je nachdem – als unangebrachte Ressourcenverschwendung oder als Werk großherziger Akzeptanz körperlich eingeschränkter Mitlebewesen. Die Behinderung angeblich "Behinderter" ist nicht deren Eigenschaft, sondern ein Effekt der Beziehungen zwischen Menschen.

Sprachregeln britischer GewerkschafterInnen

Der britische Gewerkschaftsverband TUC schreibt in einem Text zu nicht-diskriminierender Sprache (Diversity in Diction - Equality in Action. A guide to the appropriate use of language):

Disabled People
This term is advocated by the British Council of Disabled People’s Organisations and the Disabled People’s Movement. It recognises that people are disabled more by society than by their impairment. Since the emergence of the disability rights movement, use of this term has come to signify solidarity with the collective identity.
People with Disabilities
This term has historically been considered positive, because it emphasises people with impairments are first and foremost people. However, while it is unlikely to cause actual offence, it has been rejected by the Disabled People’s Movement in the UK.


Zusammenfassende Übersetzung:

Behinderte Menschen
Diese Bezeichnung wird von Organisationen behinderter Menschen bevorzugt, denn sie erkennt an, dass Menschen durch soziale Umstände behindert werden.

Menschen mit Behinderungen
Früher war diese Bezeichnung positiv, weil es darum ging, klarzustellen, dass behinderte Menschen Menschen sind.

Die Bezeichnung "People with special needs" (Menschen mit speziellen Bedürfnissen) lehnt der TUC-Text ab: nichts ist "speziell" an den Bedürfnissen behinderter Menschen; wir alle haben verschiedene spezielle Bedürfnisse, doch die Gesellschaft ist nicht darauf eingerichtet, alle Bedürfnisse aller Menschen zu erfüllen.

Bezeichnungen wie "Blinde", "Epileptiker" usw. kommen, so der Text, nicht in Frage, weil sie Menschen auf eine körperliche Verfasstheit reduzieren.

Grad der Behinderung

Mayday Hamburg 2007:"Verschiedene Menschen - verschiedene Arbeit"
Mayday Hamburg 2007:
"Verschiedene Menschen - verschiedene Arbeit"

Da ich gewisse Körperteile nicht vorweisen kann, gelte ich als 80% behindert. Mit den Körperteilen, die ich nicht vorweisen kann, wäre ich 0% behindert.

In dieser Rechnung wird mein Körper mit den nicht vorzuweisenden Körperteilen zu 100% gesetzt. Der Grad meiner Behinderung ergibt sich aus dem Vergleich eines nicht existierenden Körpers mit meinem tatsachlich existierenden Körper. (Oder genauer: der Fähigkeiten eines nicht existierenden Körpers mit den Fähigkeiten meines tatsächlichen Körpers.)

Ein solcher Vergleich würde für mich persönlich Sinn machen, wenn der nicht existierende Körper einmal existiert hätte, wenn ich z.B. die Körperteile bei einem Verkehrsunfall verloren hätte.

Tatsächlich habe ich aber nie etwas von meinem Körper verloren und der nicht existierende Körper hat noch nie existiert. Daher ist es Quatsch, meinen Körper mit diesem virtuellen Gebilde zu vergleichen. Sinnvollerweise setze ich meinen existierenden Körper zu 100%, woraus sich ergibt, dass ich 0% behindert bin.

Auch Verkehrsunfalls-Leuten würde ich raten, nach Bewältigung des schwierigen Übergangs von 100% auf 80% bei 100% neu anzufangen, denn anders würden einem ja immer und ewig die 20% fehlen.

Für die Ermittlung des Umfangs gesellschaftlicher Unterstützung durch die Versorgungsämter ergibt sich daraus: nicht ein 100%-iger nicht existierender Körper sollte die Grundlage der Bemessung sein, sondern der tatsächliche Bedarf tatsächlich existierender 100%-iger Körper. Interessanterweise bräuchte man für so eine Bemessung keine Ärzte.

Lilli E


Das eigene Gefühl täuscht

Im Film Sin City sagt Senator Roark die Wahrheit:

Macht entsteht, wenn man lügt ... Wenn Sie erstmal jeden davon überzeugt haben, dass sein eigenes Gefühl ihn täuscht, haben Sie die Welt bei den Eiern.

Gegensatz des Lebens

Der Gegensatz des Lebens ist nicht der Tod. Der Tod ist das Ende des Lebens und so wenig dessen Gegensatz wie die Geburt. Im Gegensatz zum Leben steht der Untod.


Grund und Ursache

Das erste Kapitel eines Romans verursacht nicht das zweite Kapitel. Menschliches Empfinden oder Verhalten als verursacht zu setzen, raubt ihm den Sinn.


Kunde / Kundin

Auf dem kapitalistischen Markt haben diejenigen einen Kundenstatus (und entsprechenden Einfluss), die eine Ware oder Dienstleistung bezahlen.

Im Gesundheitsbereich sind PatientInnen nur dann KundInnen (mit entsprechendem Einfluss), wenn sie die Behandlungen selbst bezahlen. Meist aber zahlen Versicherungsträger. Diese sind die tatsächlichen Kunden, nicht die Versicherten bzw. PatientInnen.

Wie alle KundInnen möchten Versicherungsträger möglichst wenig bezahlen. Die Rolle der Versicherten ist dabei vergleichbar mit der eines Rohstoffes, an dem marktwirtschaftliche Interessenkonflikte ausgetragen werden: die KundInnen wollen den Rohstoff möglichst preisgünstig erhalten; die Anbieter wollen am Rohstoff möglichst viel Geld verdienen. Anders als bei Rohstoffen wie Öl ist der Rohstoff "Versicherte" aber innerhalb der Anbieter/Kunden-Struktur in asymmetrische Bestandteile untergliedert: ökonomisch brauchen Versicherungsträger Versicherte, nicht aber PatientInnen. Anbieter verdienen dagegen an PatientInnen.

Kranke Versicherte sind dabei für Versicherungsträger nur noch "Kostenfaktoren", während gesunde Versicherte gegenüber den Versicherungsträgern in gewissem Umfang als deren KundInnen ökonomischen Druck ausüben können. Dies führt zu einer Bevorzugung gesunder Versicherter gegenüber kranken, die sich u.a. in den Reformvorhaben der Bundesregierung niederschlägt. Zwischen Kranken und Gesunden wird ein ökonomischer Interessengegensatz erzeugt, der sich sozial u.a. darin äußert, dass Kranken ihr Kranksein als "selbstverschuldet" vorgeworfen wird, wann immer möglich. Dass es sich bei Kranken und Gesunden prinzipiell um ein- und dieselben Personen handelt, wird unwichtiger. Die ökonomische Struktur schneided das Kontinuum von Gesundheit und Krankheit, in dem sich die Menschen im Laufe ihres Lebens bewegen, entzwei, so dass das Solidarprinzip seine Basis verliert.

Zugleich motiviert der Umstand, dass für Versicherungsträger die ökonomisch optimalen Versicherten solche sind, denen die Möglichkeit des Krankseins ständig vor Augen steht (damit sie hohe Versicherungsbeiträge zahlen), ohne dass sie tatsächlich krank werden, eine ideologische Überhöhung der Bedeutung von "gesundheitsbewusstem" Verhalten und von "Vorsorge"-Maßnahmen im Bewusstsein der Einzelnen und in der öffentlichen Meinung. Dies kommt dem Interesse der Anbieter entgegen, die Anzahl derer zu erhöhen, an denen Geld verdient werden kann, indem "Behandlungen" schon durchgeführt werden, bevor es zur Krankheit kommt. Der nochnichtkranke Mensch, d.h. der "gesundheitsbewusste" Mensch, ist der ökonomische Kompromiss zwischen Anbieter- und Kundeninteressen auf dem "Gesundheitsmarkt".

Leben retten

Das Leben lässt sich schützen, erhalten, verschönern, verlängern - doch vor dem Tod retten lässt es sich nicht.


Peinlich

Es war einmal ein Mann, der hatte keine Beine und krabbelte eine Treppe hinauf, was ziemlich eigenartig aussah. Da beugte sich jemand zu dem Mann herunter und fragte: "Ist Ihnen das nicht peinlich?"

Eine solche Frage würdest du dem Mann nicht stellen?

Wie oft bemerkst du die Treppen nicht und nicht die fehlenden Beine?


Pflegesprache

abklatschen, fertig machen, Abgang, abschießen, ins Wasser werfen, Patientengut ...

Siehe Ärzte Zeitung 14.10.05.

Regression

"Regression" heißt im psychologischen Fachjargon: Zurückfallen in kindliche Verhaltens- oder Psychomuster. Dem liegen unreflektierte Begriffe zu Grunde. Alles ist immer jetzt.


Was ist mit ihr los?

Die Frage "Was ist mit ihr/ihm los?" wird gestellt, wenn sich jemand anders als üblich verhält. Der/die Befragte soll dann einen Grund angeben, weshalb sich jemand anders als üblich verhält. "Anders als üblich" kann zweierlei bedeuten: (a) anders, als sich dieselbe Person sonst verhält; und (b) anders, als sich Personen üblicherweise verhalten.

Fragen, die unter (b) fallen, sollten wir meiner Meinung nach unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht beantworten und niemandem stellen. Solche Fragen unterstellen Normalität als nicht fragwürdig. Es ist möglich, konkret nach dem zu fragen, was wir nicht wissen oder nicht verstehen.



Bitte beachten Sie den Hinweis zu Gesundheitsthemen.

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