TPM - Total Productivity Management
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TPM - Total Productivity Management, zu deutsch "Totale Produktivitäts-Führung", ist eine Form der Arbeits- und Produktionsorganisation, die erstmals in den 1970er Jahren in Japan voll zum Einsatz kam und sich seither auch in Europa ausbreitet.
Ursprünglich bedeutete das Kürzel "TPM": "Total Productive Maintenance" und bezog sich auf Fragen der Instandhaltung (=Maintenance), bevor die Idee auf die gesamte Arbeits- und Produktionsorganisation ausgedehnt wurde. Im deutschsprachigen Raum ist auch von "ganzheitlichen Produktionssystemen" die Rede.
Kernziel von TPM ist es, über die systematische Nutzung der emotionalen, sozialen und geistigen Fähigkeiten der unmittelbar im Produktionsprozess arbeitenden Menschen mehr Leistung herauszuholen, als es bei einer traditionellen Produktionsweise mit VorarbeiterInnen und Hierarchien möglich ist. Betriebe, die TPM einführen, organisieren sich zu diesem Zweck meist von Grund auf neu.
Es werden "Basisgruppen" von rund 5-15 Menschen gebildet, die "autonom" gewisse Produktionsaufgaben zu erfüllen haben. Vorgesetzte schreiben den ArbeiterInnen nicht mehr konkret vor, was sie zu tun haben, sondern geben Ziele vor, die das Team dann "eigenverantwortlich" verwirklichen soll. Dabei werden die Ziele so gesteckt, dass sie immer etwas höher liegen als auf Anhieb erreichbar scheint. Ist ein Ziel erreicht, so wird es sofort höher gesteckt.
Über die Menschen ...
... in einem TPM-System schreibt ein Spezialist, zu dessen Kunden BASF, BP, Boehringer-Ingelheim, BMW, CIBA-Geigy, Hoechst, Krupp, Nestlé, Opel, Schering, VW und viele andere gehören:
Die Basisteams als Träger des TPM müssen so strukturiert sein, dass alle Mitglieder interaktiv den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess optimal fördern. Hierzu müssen alle Strukturen vermieden werden, die zwischen den Mitgliedern eines Basisteams Barrieren aufrichten könnten.
Die kommunikativen, sozialen und organisatorischen Beziehungen untereinander sind so gestaltet, dass sie jedem Mitglied die Möglichkeit bieten, sich weiter zu entwickeln und zusammen mit der Gruppe als Persönlichkeit zu wachsen. Die Entwicklung von mehr Toleranz, Mut, Einfühlsamkeit und Initiativen im Umgang mit anderen Menschen sind Parameter des Erfolgs.
Wirklich erfolgreich arbeitet die Gruppe nur dann, wenn die individuellen Energien der einzelnen Gruppenmitglieder in die Lösung der gemeinsamen Aufgabe hineinfließen; es geht ja nicht um die Spitzenleistung des einzelnen Individuums. Die Gruppenmitglieder müssen sich ihrer Beziehungen zueinander bewusst sein und bleiben.
Die Besprechungen kosten viel Geld. Daher muss die Teamsprecherin bzw. der Teamsprecher sie straff steuern.
Zukünftig beobachtet das Team aufmerksam die Strukturen und Prozesse an seinem Arbeitsplatz und registriert alle Ereignisse, die Verluste verursachen, Kosten erhöhen oder die Arbeit behindern ...
Arbeitsfunktionen, bei denen es besonders darauf ankommt, die Bedürfnisse der Mitmenschen (Kolleginnen und Kollegen, Zulieferer und Abnehmer) zu erkennen, werden vorzugsweise von Frauen besetzt.
TPM funktioniert nur dann, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Teams sich voll mit ihrer Arbeit identifizieren. Im Idealfall verhalten sie sich so, als ob der Betrieb - zumindest ihr Arbeitsbereich - ihr Eigentum wäre. Dazu müssen sie sich auch durch das Äußere ihres Arbeitsplatzes wohl fühlen; also muss er ordentlich und sauber sein. ... Auch wenn in der Vergangenheit das Reinigen auf - interne oder externe - Spezialkräfte delegiert gewesen war, tun das zukünftig die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Teams selbst, weil dadurch ihre Verbundenheit mit ihren Betriebsmitteln wächst und sie während der Reinigungsarbeiten Mängel frühzeitiger erkennen. ... Meist werden jetzt auch Anstrichmängel sichtbar. Dann sollten die Teams ihre Betriebsmittel neu anstreichen. Wie wäre es, wenn die Teams die Farbe hierzu selbst aussuchen? Sie identifizieren sich mit ihrem Arbeitsbereich eher, wenn sich dieser bereits äußerlich von denen anderer Teams unterscheidet.
Die Leistungsmessung stimuliert das Team um so mehr, seinen Kontinuierlichen Verbesserungsprozess erfolgreich zu betreiben, je schneller und relevanter die Rückinformation ist; und das Team muss die Leistungsmessung als richtig akzeptieren. Das erreicht man am ehesten, wenn das Team seine Leistung selbst misst.
Ein Kollege aus den Klöcknerwerken in Bremen (heute Arcelor) ...
... schreibt über TPM:
Die Rationalisierung und der verstärkte innerbetriebliche Konkurrenzkampf sollen durch radikale Bewusstseinsveränderung bzw. durch die Implantierung der Unternehmerideologie in die Psyche der Beschäftigten ständig kostenlos stattfinden. ... Gewerkschaften leisten immer weniger Widerstand, und wo Betriebsräte sich politisch angepasst haben, ist die totale Unterwerfung durch TPM nicht mehr aufzuhalten. Bei den Ideologen der neuen Unternehmerphilosophie ist die Vereinnahmung des Betriebsrates eine der wesentlichen Voraussetzungen für die totale Vereinnahmung der Belegschaft. ...Totalität schließt jede Humanität und Menschlichkeit aus. Egal wo Totalität angewendet wird, in der Politik, im Krieg, oder in der Produktion. Solange eine Gewerkschaft sich noch als humane Interessengemeinschaft begreift, muss jede Art von Totalität abgelehnt werden. ...
Es bedarf wenig Phantasie um sich ausmalen zu können, wie sich die Totalität, das totale Aussaugen der Belegschaften in der Praxis auswirkt. ... Wo früher jeder nur für seinen Arbeitsplatz bzw. Arbeitsbereich verantwortlich war und auch danach bezahlt bekam, wird er jetzt in ein Team eingeordnet, wo alle alles machen und für alles verantwortlich sind (ähnlich wie bei Aldi) – keine Atempause für sich selbst – sondern sofort die nächste Arbeit suchen. Damit werden alle bisherigen kleinen Freiräume und Unterhaltungspausen zerstört. ...
Wo es früher schon schwierig war, die ständige personelle Unterbesetzung notdürftig abzudecken, wird es in dem neuen System zum permanenten Antreibersystem. In den Einzelbetrieben musste früher entsprechendes Personal von der Betriebsleitung vorgehalten oder kurzfristig besorgt werden; heute müssen die Mitglieder im Team selbst zusehen, wie sie klar kommen. Der permanente Leistungsdruck im Team führt zur Dauerunterbesetzung, wo die restliche Besatzung im Affentempo rotieren muss und die Freizeit zur Dauerrufbereitschaft umfunktioniert wird. ...
Im totalen TPM-Kapitalismus ist es heute schon indirekt Pflicht, durch das Mitführen eines Handys jederzeit und an jedem Ort erreichbar ... zu sein. ... Arbeitszeit und Freizeit werden nur noch nach den Bedürfnissen der Firmen ausgerichtet. Tarifverträge mit festen Arbeitszeiten, wo die Beschäftigten ihr Familienleben und Einkommen noch planen können, gibt es immer weniger.
Die Besatzung einer Anlage auf der Bremer Hütte bestand früher überwiegend aus »Angelernten«: Steuerleute, Anlagenfahrer, Kranführer usw. Alle Berufe einschließlich sozialer Pflegefälle hatten eine Chance, sich eine Existenz zu erarbeiten, von der sie leben und eine Familie gründen konnten. Aus dem Potenzial der untergeordneten Funktionen wurde der geeignete Nachwuchs je nach Erfordernis angelernt oder auch geschult. ... Angelernte und Ungelernte werden schon lange nicht mehr eingestellt. Da nur Handwerker mit einem Metallberuf beschäftigt werden, haben außer den vielen Ungelernten auch alle andern Berufe ... keine Möglichkeit, auf der Hütte eine entsprechende Arbeit zu finden. Auch wenn früher schon ein bestimmtes Ausleseverfahren bei den Neueingestellten praktiziert wurde, heute bekommt das radikale Ausleseverfahren durch TPM eine zusätzliche negative soziale Bedeutung.
Schlosser, die früher nur bestimmte berufstypische Tätigkeiten, bezogen auf ihre fachliche Qualifikation und die Vorgaben ihres Arbeitsplatzes, verrichten mussten, werden künftig verpflichtet, alle Arbeiten im Team – von Reinigungsarbeiten über Anlagen steuern, Kran fahren, Hubstapler fahren, Reparaturarbeiten aller Art – durchzuführen. Selbstverständlich müssen im administrativen Bereich die alten Bürokräfte am Computer ersetzt werden können ...
O, wie verlockend. Endlich mal eine Arbeit, wo man sich vielseitig entfalten kann. Wer hat nicht die alte stupide Arbeit verflucht, wo sich alles in kurzen Abständen wiederholte? Jetzt kann man sich im Team einbringen. Man wird über die Arbeit befragt, man wird endlich mal ernst genommen. Alles läuft scheinbar superdemokratisch und modern ab. Doch wer skeptisch ist, wird schnell in die Ecke der ewig gestrigen Nörgler gestellt. ...
TPM ist ein globales, hochmodernes, politisches Ausbeutersystem und muss als dieses von den Menschen zuerst erkannt und auf allen Ebenen mit betrieblichen, mit gewerkschaftlichen, aber besonders mit politischen Mitteln bekämpft werden. ...
Siehe auch
- Zur weiteren Einordnung des "TPM-Kapitalismus": Der unterbelichtete Punkt in der Gesundheitsreform und Selbstverschuldete Behandlungsbedürftigkeiten
- ARBEITsalltag.de
Seite für Menschen, für die Arbeit nicht das wichtigste im Leben ist und die darum kämpfen, ihr Leben selbst zu organisieren, anstatt sich ständig vorschreiben zu lassen, was das Beste für uns alle wäre - Arbeit und Leben im Umbruch
- Februar 2006: Erstmals Chips in Angestellte implantiert
- ARGE
- Mittelweg

