Reduzierte Risiken bei Übergewicht
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Bei Übergewicht (was nicht bedeuten soll: durch Übergewicht) sind gesundheitliche Risiken erhöht, wie man allseitig erfährt. Auf dieser Seite finden sich ausgleichsweise einige Hinweise zu reduzierten Risiken.
Verringertes Risiko für Brustkrebs
Dicke haben nicht immer schlechte Karten: Frauen, die füllig sind oder es in ihrer Jugend waren, bekommen seltener Brustkrebs als normalgewichtige Frauen. Das haben Forscher der Harvard Medical School in Boston bestätigt. Dr. Karin Michels und ihre Kollegen haben Daten von über 110 000 Frauen der Nurses’ Health Study ausgewertet (Arch Int Med 166, 2006, 2395). Innerhalb von 14 Jahren wurde bei 1398 Frauen ein Mamma-Karzinom diagnostiziert. Dabei war die Brustkrebsrate bei Frauen mit einem aktuellen BMI über 30 um 19 Prozent niedriger als bei Frauen mit einem BMI zwischen 20 und 22,4. Besonders deutlich war der Unterschied, wenn der BMI im Jugendalter betrachtet wurde. Frauen, die mit 18 Jahren einen BMI über 27,5 hatten, wiesen eine 43 Prozent geringere Rate an Brustkrebs auf als Frauen mit einem BMI von 20 bis 22,4 in jungen Jahren. Als Grund für die Unterschiede sehen die Forscher die niedrigeren Östradiol- und Progesteronspiegel bei übergewichtigen Frauen.
Nach einer anderen Studie geht mit höherem Körperfettanteil in der Kindheit und im Jugendalter die Häufigkeit von Brustkrebs vor der Menopause (altersbedingtes Aufhören der Regelblutung) zurück – unabhängig vom BMI und von den Charakteristiken der Regelblutung im Erwachsenenalter. Der Studie liegen die Daten von 109.267 Krankenschwestern in einem Zeitraum von 12 Jahren zugrunde.
Terry KL, Willett WC, Rich-Edwards JW, Hunter DJ, Michels KB. Menstrual cycle characteristics and incidence of premenopausal breast cancer. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2005;14(6):1509-13
Verringertes Risiko von Knochenbrüchen bei Alkoholkonsum
Eine Studie aus dem Jahr 1988 mit 96.508 Krankenschwestern im Alter zwischen 35 und 59 ergab, dass das Risiko für Hüft- und Unterarmbrüche bei Frauen, die mehr als 15 g Alkohol pro Tag trinken und BMIs über 21 haben, deutlich geringer ist als bei Frauen, die mehr als 15 g Alkohol pro Tag trinken und BMIs unter 21 haben.
Verringertes Risiko für Nikotinsucht
Es spricht einiges dafür, dass Dicke weniger wahrscheinlich nikotinsüchtig werden als Mittelmäßige und Dünne.
Nach Zahlen des National Center for Health Statistics, 2002 National Health Interview Survey, rauchen 34% der US-amerikanischen armen Bevölkerung, 27% gelten nach BMI als „übergewichtig“ – doch nur auf 8% trifft beides zu. Bei den Reichen rauchen 18% und gelten 21% nach BMI als „übergewichtig“ – doch nur auf 4% trifft beides zu.
Medical Research News, 1.6.2004
Dicke Bauarbeiter leben länger
Nach einer Studie der Universität Ulm, die in den 90er Jahren die Lebenserwartung von über 8.000 Bauarbeitern untersuchte, hatten die dickeren häufiger hohen Blutdruck, Diabetes und erste Anzeichen einer koronaren Herzerkrankung. Dennoch hatten sie die niedrigste Sterblichkeit von allen.
Mäßig Dicke haben das geringste Sterberisiko
Nach einer Studie von Katherine M. Flegal vom National Center for Health Statistics des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) mit Daten von 1971 bis 2002 liegt das Sterberisiko bei BMIs zwischen 25 und 29,5 für alle Altersgruppen am niedrigsten. Das Sterberisiko bei BMIs zwischen 18,5 und 25 liegt für alle Altersgruppen höher. Noch höher als bei den „Normalgewichtigen“ liegt das Sterberisiko bei sehr Dünnen (BMI kleiner als 18,5) und sehr Dicken (größer 35 BMI).
Katherine M. Flegal, PhD; Barry I. Graubard, PhD; David F. Williamson, PhD; Mitchell H. Gail, MD, PhD, JAMA. 2005;293:1861-1867.
Nach anderen Studien liegt das Sterberisiko bei Männern mit BMIs zwischen 18,5 und 25 am niedrigsten und bei Frauen zwischen 25 und 29,5 am niedrigsten. Auch wurden bei weißen Männern und Frauen ein stärkerer statistische Zusammenhang zwischen BMI und Sterblichkeit festgestellt als bei schwarzen.
Systematic Evidence Review, Number 21: Screening and Interventions for Overweight and Obesity in Adults, Agency for Healthcare Research and Quality U.S. Department of Health and Human Services, Dezember 2003
Herzfehler: Je dicker desto besser
Menschen mit Herzfehlern (stable heart failure) leben umso länger, je dicker sie sind. Die Sterblichkeit sinkt mit zunehmendem BMI und hat bei den sehr, sehr Dicken den niedrigsten Wert.
Herzinsuffizienz, AIDS, Tumore
Herzinsuffizienz-Patienten über 65 Jahre mit Übergewicht haben offenbar eine bessere Prognose als alte Patienten mit Herzinsuffizienz, die Normalgewicht haben. Das Phänomen ist bereits bei Tumor- und Aids-Patienten bekannt: Haben solche Patienten genug Fettreserven, stehen sie Belastungen, die von Krankheitsschüben oder einer Chemotherapie verursacht werden, besser durch als normal- und niedriggewichtige Menschen. Möglicherweise ist das auch der Grund für die gute Prognose von übergewichtigen Patienten mit Herzinsuffizienz. Auf einen solchen Vorteil deuten Daten des HELUMA (Heidelberg, Ludwigshafen, Mannheim)-Registers, die jetzt beim Kongreß für Versorgungsforschung in Ludwigshafen vorgestellt wurden. ...
Herzkrankheiten und Diabetes durch „Übergewicht“?
Bezüglich Herz-/Kreislauf- und Gefäßkrankheiten sind die Forschungsergebnisse widersprüchlich.
Daten aus den USA zeigen, dass seit 1960 die Todesfälle in der Bevölkerung durch Herz-Kreislaufkrankheiten abnehmen, obgleich der Anteil der nach BMI „Übergewichtigen“ an der Bevölkerung zunimmt.
Um klarere Ergebnisse zu erzielen, wäre es notwendig, „Einfach-so“-Dicke von solchen Dicken zu unterscheiden, die infolge einer Krankheit dicker sind oder durch Diäten dicker wurden (JoJo-Effekt). Diäten machen nachgewiesenermaßen viele Menschen dicker und scheinen einen eigenständigen Risikofaktor darzustellen.
Statistische Zusammenhänge zwischen erhöhten Krankheitsrisiken und „Über-„ oder „Untergewicht“ ergeben sich im Allgemeinen daraus, dass Menschen durch Krankheiten oder sozialen Druck ab- oder zunehmen, nicht daraus, dass Menschen durch ihr Körpergewicht krank werden.
Auch Diabetes bekommt man vermutlich nicht, weil man dick ist. Es ist wahrscheinlicher, dass derselbe Faktor zugleich das Diabetesrisiko erhöht und das Dickerwerden fördert.
Udo Pollmer, Esst endlich normal!, Piper, München/Zürich 2005, S. 175ff
Siehe auch
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