Psychiatrisches Fachwörterbuch: Wahnkonstruktion

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Dieser Text ist ein Versuch, anhand einiger beispielhafter psychiatrischer Fachbücher herauszufinden, wie „Wahn“ als psychische „Störung“ bzw. „Krankheit“ konstruiert wird. Dabei kommt ein nicht-systematisiertes Verfahren zum Einsatz, das sich als „sprachlich-assoziativ“ bezeichnen lässt und dessen Verständnis eine Art „sprachliches Mit-Fühlen“ erfordert. Im Anschluss wird über Alternativen nachgedacht.


Inhaltsverzeichnis

Quellen

Folgende Fachbücher wurden verwendet:

  • Peter Berner: Psychiatrische Systematik – ein Lehrbuch
    3. überarbeitete und ergänzte Auflage, Verlag Hans Huber, Bern 1977 (Zitate, wenn nicht anders angegeben, Seiten 228 bis 231)
  • Helmut Barz: Psychopathologie und ihre psychologischen Grundlagen
    Verlag Hans Huber, Bern 1986, 3. Aufl.
  • Klaus Dörner, Ursula Plog: Irren ist menschlich – Lehrbuch der Psychiatrie / Psychotherapie
    Psychiatrie Verlag, Bonn 1986
  • Thomas Bock, Hildegard Weigand (Hrsg.): Handwerksbuch Psychiatrie
    Psychiatrie-Verlag, Bonn 1991
  • Geatano Benedetti: Klinische Psychotherapie
    Verlag Hans Huber, Bern 1980, 2. Aufl.
  • Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie
    Berlin, Springer, 1973


Ausgangsbasis

Ausgangsbasis ist die Unterscheidung zwischen strategischem und kommunikativem Handeln bei Jürgen Habermas: Nachmetaphysisches Denken (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1992, S. 69-72):

Die [sprachlichen] Interaktionstypen unterscheiden sich zunächst nach dem Mechanismus der Handlungskoordinierung, insbesondere danach, ob die natürliche Sprache nur als Medium zur Übertragung von Informationen oder auch als Quelle der sozialen Integration in Anspruch genommen wird. Im einen Fall spreche ich von strategischem, im anderen von kommunikativem Handeln. Während hier die konsenserzielende Kraft der sprachlichen Verständigung, d.h. die Bindungsenergien der Sprache selbst für die Koordination der Handlungen wirksam wird, bleibt dort der Koordinationseffekt abhängig von einer über nicht-sprachliche Tätigkeiten laufenden Einflußnahme der Aktoren auf die Handlungssituation und aufeinander. Aus der Perspektive der Beteiligten gesehen, müssen sich die beiden Mechanismen der überzeugungsmotivierenden Verständigung und der verhaltensinduzierenden Einflußnahme ausschließen. Sprechhandlungen können nicht in der doppelten Absicht ausgeführt werden, mit einem Adressaten Einverständnis über etwas zu erzielen und gleichzeitig bei ihm etwas kausal zu bewirken. Aus der Sicht von Sprechern und Hörern kann ein Einverständnis nicht von außen imponiert, nicht der einen Seite von der anderen auferlegt werden - sei es durch unmittelbaren Eingriff in die Handlungssituation oder durch die indirekte, wiederum am jeweils eigenen Erfolg kalkulierte Einflußnahme auf die propositionalen Einstellungen eines Gegenspielers. Was ersichtlich durch Gratifikation oder Drohung, Suggestion oder Irreführung zustande kommt, kann nicht intersubjektiv als Einverständnis zählen; ein solcher Eingriff verletzt die Bedingungen, unter denen die illokutionären Kräfte Überzeugungen wecken und "Anschlüsse" herstellen.
Im strategischen Handeln verändert sich die Konstellation von Sprechen und Handeln. Hier erlahmen die illokutionären Bindungskräfte ...


Subjektbezeichner

Das neuropsychologische Modell seelischer Vorgänge
Das neuropsychologische Modell seelischer Vorgänge
Die WahnsinnigenDie Behandelnden
der Kranke/ein Krankerman
die Psychiatrie
ein MannJaspers
ein Menschder Untersucher
jemandder Beobachter
der Patient/die Patientendie Psychoanalyse

Handlungsbeschreibungen

Die Wahnsinnigen

  • Sie reagieren auf Reize.
  • Sie entwickeln ein bestimmtes Verhalten und bestimmte Ideengebäude.
  • Sie erleben etwas.
  • Sie beziehen ihre Erfahrungen mit ein.
  • Sie erinnern sich. Sie sind sich sicher.
  • Sie versuchen, ihre Ideen zu ordnen.


Die Behandelnden

  • Sie fühlen sich ein.
  • Sie können nicht verstehen.
  • Sie können sich nicht einfühlen.

Aussagesätze

#AussageHandlungsbeschreibung
1Reize können mit kognitiven, motorischen, vegetativen oder dynamischen Reaktionen beantwortet werden.Sie reagieren auf Reize.
2Gewisse häufig beobachtbare und oft über Lernprozesse zu einem konditionierten Verhalten ausgebaute motorische und kognitive, bzw. auf einer Kombination beider beruhende Reaktionsmuster wurden von der Psychoanalyse als Abwehrmechanismen beschrieben. Diese treten meist bloß als Einzelsymptome in Erscheinung...Sie entwickeln ein bestimmtes Verhalten.
3Dabei muß man jedoch im Auge behalten, daß es sich durchaus nicht immer um Reaktionen auf Außenreize handeln muß; auch interozeptive Stimuli oder primär substratbedingte Veränderungen des Erlebens können zu Reaktionsbildungen führen.Sie reagieren auf Reize.
Sie erleben etwas.
4Unter Wahn versteht man ein komplexes Ideengebäude, in welchem Wahnideen untereinander und mit anderen, "normalen" Gedanken verknüpft sind.Sie entwickeln Ideengebäude.
5Dieses Wahngebäude wird durch die reflektorische Ausgestaltung einzelner Wahnideen unter Einbeziehung sonstiger Erfahrungen im Rahmen der sogenannten "Wahnarbeit" gebildet. ... Die klassische Psychiatrie unterscheidet zwischen Wahnwahrnehmungen und -einfällen. Die ersteren seien dadurch charakterisiert, daß an sich normalen Wahrnehmungen ohne rational oder emotional verständlichen Anlaß eine "abnorme" Bedeutung beigemessen wird. ...Sie beziehen ihre Erfahrungen mit ein.
6Die Wahneinfälle teilt man meist in Wahnvorstellungen (plötzlich auftretende Einfälle, durch welche Lebenserinnerungen eine neue Bedeutung bekommen) und Wahnbewußtheiten (ein Wissen um Gegebenheiten ohne sinnlich deutliche Anschauung: ein Patient "weiß" z.B., daß er der Apostel Johannes ist).Sie erinnern sich.
Sie sind sich sicher.
7Fragt man sich, auf welchen gemeinsamen Nenner alle Wahnideen zu bringen sind, so geht man am besten von den drei Wahnkriterien Jaspers' aus. Diese sind:
a) Die unvergleichliche subjektive Gewißheit
b) Die Unbeeinflußbarkeit durch Erfahrung und zwingende Schlüsse (Unkorrigierbarkeit)
c) Die Unmöglichkeit des Inhaltes.
Sie sind sich sicher.
8Für Jaspers sind diese Kriterien bloß der oberflächliche Aspekt eines tieferliegenden Phänomens, das sich nur mittels einer über die einfache Beschreibung hinausreichenden Methodik erfassen lasse. Diese ist für Jaspers in der "phänomenologischen Intuition" gegeben:Sie fühlen sich ein.
9Wenn der sich in den Kranken durch " eindringliche Versenkung" einfühlende Untersucher "hinter" den deskriptiven Wahnkriterien auf ein nicht mehr mitvollziehbares, nicht weiter reduzierbares, letztlich unverständliches und somit radikal fremdes Erleben stoße, dann liege echter Wahn vor. ...Sie fühlen sich ein.
Sie können nicht verstehen.
Sie erleben etwas.
10Die Unkorrigierbarkeit ist im Grunde nur eine Ausdehnung der subjektiven Gewißheit über längere Zeit und daher bei akuten Wahnphänomenen gar nicht beurteilbar. ... Das "Wesen" der subjektiven Gewißheit läßt sich als "Ausschluß des Zufalls" beschreiben, der darin besteht, daß etwas grundsätzlich nur Mögliches zur absoluten Bestimmtheit wird. Das trifft z.B. zu, wenn das gerötete Gesicht der Gattin, das einem Mann bei seiner vorzeitigen Heimkehr von der Arbeit auffällt, in ihm nicht bloß den Verdacht auf einen eben stattgehabten Ehebruch erweckt, sondern als unerschütterlicher Beweis für einen solchen angesehen wird. Daß der "rote Kopf" auch damit zusammenhängen könnte, daß die Frau gerade am heißen Herd beschäftigt ist, wird nicht in Betracht gezogen.Sie sind sich sicher.
11Derartige, den Zufall ausschließende Erlebnisse hoher subjektiver Gewißheit kommen auch bei Normalen "im Affekt", d.h. in Zuständen heftiger Gefühlswallung vor: Wenn der betreffende Ehemann soeben erfahren hat, daß seine Frau während seiner Dienstzeit einen Liebhaber zu empfangen pflegte, wird er sich wahrscheinlich schon in entsprechender Erregung nach Hause begeben. Liegt eine derartige "Affekteinengung" vor, so ist der Ausschluß des Zufalls dem Beobachter einfühlbar und er wird nicht von Wahn sprechen. Fehlt jedoch eine entsprechende Gefühlswallung, so ist Uneinfühlbarkeit gegeben. ... Zweifel an der Einfühlbarkeit treten nun im Beobachter auch auf, wenn die Affekteinengung selbst ... ungewöhnlich lange anhält. Dieser "Schwebezustand" zwischen weitgehender Einfühlbarkeit und schon anklingender Uneinfühlbarkeit führte dazu, daß man zwischen die affektbedingten akuten Gewißheitserlebnisse Normaler und die (durch das Fehlen einer Affekteinengung ausgezeichneten) echten Wahnideen noch die überwertigen Ideen einschob. Diese werden als das, durch eine "abnorme Affektbesetzung" bedingte, Überwiegen einer einzigen Vorstellung definiert, welche unter Außerachtlassung aller Nebenargumente das weitere Trachten und Handeln eines Menschen durch längere Zeit oder auf Dauer bestimmt. Der Übergang einer überwertigen Idee in eine echte Wahnidee wird dann festgestellt, wenn die ursprüngliche Affektspannung verblaßt, wodurch die Uneinfühlbarkeit stärker hervortritt. ...Sie können sich nicht einfühlen.
12Die Wahnstruktur läßt sich in drei Kategorien beschreiben: In der Alternative, "logisch" oder "paralogisch" wird festgehalten, ob die vorliegende Ideenverknüpfung den Gesetzen des logischen Denkens entspricht oder nicht. Sie entwickeln Ideengebäude.
13Mit den Begriffen "organisiert, bzw. "unorganisiert" wird gekennzeichnet, inwieweit der Wahn zu einem einigermaßen geschlossenen Gebilde zusammengefaßt ist oder nicht. Straff organisierte Wahngebäude werden auch als "systemisierter Wahn" bezeichnet. Unter "Systemisierung" versteht man den Versuch, einen zunächst unorganisierten Wahn zu ordnen. Dieser Vorgang ist nicht mit den der "Generalisierung" zu verwechseln, bei welcher es sich um die Einbeziehung immer neuer Elemente in den Wahn (z.B. Vergrößerung des Kreises der als Verfolger angesehenen Personen) handelt. ... Wenn sich jemand von den Geheimagenten eines ausländischen Staates beobachtet fühlt, und dies damit begründet, daß er sich öffentlich negativ über das betreffende politische System geäußert habe, so ist die Gedankenverknüpfung logisch. Wenn ein anderer Kranker behauptet, von seinem Arzt verfolgt zu werden, weil dieser eigentlich Franz Schubert sei und sich um die Reinhaltung der Milchstraße bemühe, so handelt es sich um eine paralogische Ideenverknüpfung.Sie versuchen, ihre Ideen zu ordnen.
14Abgesehen von normalen Wahrnehmungen werden die folgenden Phänomene am häufigsten zum Ausgangspunkt von Interpretationen: Erinnerungsfälschungen. So wird z.B. die Tatsache, daß sich ein Gegenstand nicht dort befindet, wo man ihn hingelegt zu haben glaubt, als Diebstahl gedeutet. Anmutungserlebnisse. Diese können auf eine bestimmte Wahrnehmung beschränkt bleiben ("das Gesicht der Gattin war so eigenartig gerötet") oder das gesamte Erlebnisfeld als unbestimmt anmutend empfinden lassen ("alles war so eigenartig"), was oft als Wahnstimmung bezeichnet wird. Halluzinationen und Illusionen. ... Allästhesien, häufig in Form von Dysästhesien. ... Beeinflussungserlebnisse. Diese stellen an sich schon Ausdeutungen einer zu den Ich-Bewußtseinsstörungen gehörigen Erlebnisveränderung dar, die darin besteht, daß Gedanken, Strebungen oder Handlungen als nicht der eigenen Persönlichkeit entstammend empfunden werden. ... Sie erinnern sich.
Sie erleben etwas.

Lesung

Die Wahnsinnigen

  • Sie reagieren nicht wirklich auf etwas. Durch die Reize kommt es zu Reaktionen. Die Reaktionen sind eine Folge der Reizung. Ein Input führt gemäß der Struktur des Systems zu einem gewissen Output. Sie antworten nicht selbst. Sie werden von den Reizen gesteuert wie informationsverarbeitende Maschinen von Dateneingaben gesteuert werden. (1, 3)
  • Sie entwickeln nicht wirklich etwas. Es handelt sich um Prozesse, Muster, Mechanismen und Verknüpfungen. Ihre Gedanken sind nicht, was sie denken. Ihre Gedanken sind singuläre Gegebenheiten, die die Elemente einer Struktur bilden. Die Gedanken sind voneinander unabhängig. Erst die Struktur schafft eine Verbindung. Die Struktur aber schaffen nicht sie. Ihr Wahn ist nicht das Produkt ihres Tuns, sondern das Ergebnis eines Vorgangs, dessen Ursachen im zitierten Textausschnitt nicht beschrieben werden. (2, 4, 12)
  • Sie erleben nicht wirklich etwas. Ihr Erleben ist etwas, auf das man stoßen kann. Sie haben ein Erleben, das als Entität verändert werden kann, sich aber nicht selbst verändert. Ihr Erleben ist in ihnen als etwas gegeben, das zu Reaktionen führt. Die Reaktionen selbst erleben sie nicht. (3, 9, 14)
  • Sie beziehen ihre Erfahrungen nicht wirklich ein. Die Erfahrungen befinden sich an einer Stelle in ihnen, der Wahn an einer anderen. Ein nicht genannter Mechanismus bewirkt, daß die Erfahrungen in das Wahngebäude einbezogen werden. Sie selbst beziehen nichts mit ein. (5)
  • Sie erinnern sich nicht wirklich. Ihre Erinnerungen sind als Teile in ihnen abgelagert. Die Veränderung dieser Teile ist eine Fälschung. Die Fälschung ist ein Phänomen, keine Handlung. (6, 14)
  • Sie sind sich nicht wirklich sicher. Sie haben ein Wissen um Gegebenheiten und wissen nur in Anführungszeichen. Ihre Gewißheit ist ein Kriterium ihres Wahns. Ihre Gewißheit ist etwas, das sich zeitlich ausdehnen kann. Ihre Gewißheit entsteht, indem etwas Mögliches zur Bestimmtheit wird. Die Gewißheit entsteht in ihnen, nicht durch sie. (6, 7, 10)
  • Sie versuchen nicht wirklich, ihre Ideen zu ordnen. Es handelt sich dabei um einen Vorgang. (13)

Die Behandelnden

  • Sie fühlen sich nicht wirklich ein. Sie erfassen mittels einer Methodik. Sie versenken sich und stoßen auf etwas. Sie fühlen sich dabei nicht. (8, 9)
  • Sie können nicht wirklich nicht verstehen. Was sie nicht verstehen, ist unverständlich. (9)
  • Sie können sich nicht wirklich nicht einfühlen. Ihre Uneinfühlbarkeit ist gegeben. Ihre Uneinfühlbarkeit ist das Merkmal des Wahns: sie tritt beim Wahnsinnigen hervor, nicht bei ihnen. (11)

Zusammenfassung der Lesung

Die Wahnsinnigen
In sie wird hineingestoßen. Sie handeln nicht. Sie haben keine Möglichkeiten zu handeln. Alles passiert ihnen.

Die Behandelnden
Sie stoßen hinein. Sie sind die Handelnden. Sie haben alle Möglichkeiten. Sie beobachten die Wahnsinnigen von innen und von außen.

Analyse

In der Beschreibung verschwindet das Menschliche. Wie kommt es dazu? Wie kommen Aussagen wie Veränderungen des Erlebens können zu Reaktionsbildungen führen zustande? Ist es bloß ein Problem der Formulierung? Könnte die Krankheit „Wahn“ auch erfaßt werden, ohne daß die Wahnsinnigen darunter als Subjekte ihres Handelns verloren gehen?

Wie die Krankheit zu ihren Merkmalen kommt

Was ist Wahn?

  • im Wahn sind Wahnideen mit "normalen" Gedanken verknüpft (4)
  • Wahnideen sind Wahnwahrnehmungen und Wahneinfälle (5)
  • Wahnwahrnehmungen sind Wahrnehmungen mit wahnhafter ("abnormer") Bedeutung (5)
  • Wahneinfälle sind Wahnvorstellungen und Wahnbewußtheiten (6)
  • Wahnvorstellungen sind Einfälle, durch welche Erinnerungen eine wahnhafte (neue) Bedeutung bekommen (6)
  • Wahnbewußtheiten bestehen in wahnhaftem Wissen (ohne sinnliche Anschauung) (6)

Den Wahn erkennt man also daran, daß er Wahn ist. Der Wahn wird vom Nicht-Wahn abgegrenzt durch die Worte: „abnorm“, neu, ohne sinnliche Anschauung.

Diese Worte kennzeichnen keine beobachtbaren Fakten. Ihr Sinn im Text scheint darin zu bestehen, die Tautologie der Begriffsbestimmung zu kaschieren. Mit den drei Kriterien Jaspers’ scheint der Kreis der Erklärung des Wahns durch sich selbst aber durchbrochen:

  • Die unvergleichliche subjektive Gewißheit
  • Die Unbeeinflußbarkeit durch Erfahrung und zwingende Schlüsse (Unkorrigierbarkeit)
  • Die Unmöglichkeit des Inhaltes.

Da diese drei Kriterien von einigen rationalen Standpunkten auch auf Katholiken anwendbar wären, bleibt noch die „phänomenologische Intuition“. Diese läuft auf die Feststellung hinaus:

  • Wahn ist ein unverständliches und fremdes Erleben. (9)

Den Wahn erkennt der Untersucher also daran, daß er ihn unverständlich und fremd findet. So unwissenschaftlich darf das natürlich nicht stehen bleiben.

Um das subjektive Element, „den Untersucher“, aus der Erklärung des Wahns zum Verschwinden zu bringen, wird daher „unverständlich und fremd“ kurzerhand zum Merkmal des Erlebens der Wahnsinnigen gemacht.

Den Wahnsinnigen selbst ist ihr Erleben jedoch nicht unbedingt unverständlich und fremd. Wir haben es im Effekt mit einem Erleben zu tun, das unverständlich und fremd ist, ohne es für irgend jemanden zu sein. Die Worte „unverständlich und fremd“ sind zu Realbeschreibungen wie „grün“, „fest“ usw. geworden – eine nicht zuletzt für die Pharmaindustrie interessante Sprachmagie.

An anderer Stelle wiederholt sich der Trick: Der Übergang einer überwertigen Idee in eine echte Wahnidee wird dann festgestellt, wenn die ursprüngliche Affektspannung verblaßt, wodurch die Uneinfühlbarkeit stärker hervortritt.

In diesem Satz verwandelt sich das Gefühl der Untersucher in eine beobachtbare Tatsache, die als Merkmal des Wahns beschreibbar ist.

Die „Krankheit“ bzw. „Störung“ mit der Bezeichnung „Wahn“ kommt zu ihren Merkmalen, indem die Untersucher sich darauf einigen, ihre gemeinsamen Erlebnisse als Realaussagen zu formulieren.

Wenn menschliche Interaktionen in Beobachtungsverhältnisse verwandelt werden, verschwinden die Interagierenden. Auf diese Weise kann der Fachmensch den Wahn beschreiben, ohne die Wahnsinnigen beschreiben zu müssen. Der Fachmensch hat nun eine Form, die sich als in sich geschlossenes Geschehen beschreiben läßt: eine Krankheit, die sie oder er behandeln kann. Der Begriff der Krankheit entkoppelt das psychische Geschehen vom Individuum. Dadurch wird das psychische Geschehen entindividualisiert (zum Vorgang) und das Individuum entsubjektiviert. Was vom Individuum ohne psychisches Geschehen übrig bleibt, ist natürlich kein handlungsfähiges Subjekt mehr.

Wie die Wahnsinnigen zu ihrer Krankheit kommen

Der Untersucher stellt fest, daß eine Krankheit vorliegt, indem er Merkmale beobachtet, die kennzeichnend für diese Krankheit sind. Die verschiedenen Merkmale sind zu einem einheitlichen Krankheitsbild zusammengefaßt, das als „Wahn“ bezeichnet wird.

In der Medizin kann es zu falschen Zusammenfassungen kommen, wenn sich unter derselben Symptomatik verschiedene Krankheiten verbergen. Zweifel an der Zusammenfaßbarkeit mehrerer Symptome zu einem Krankheitsbild können auftreten, wenn dieselbe Therapie bei verschiedenen Menschen mit derselben Krankheit sehr unterschiedlich wirkt oder wenn Fälle beobachtet werden, in denen zum Krankheitsbild gehörende Symptome isoliert auftreten. Die Zusammenfassung der Symptome zu einer Krankheit lässt sich schließlich falsifizieren, indem verschiedene Ursachen für dieselbe Symptomatik aufgedeckt werden.

Solange die Ursachen einer Krankheit nicht bekannt sind, ist das Vorliegen einer Krankheit eine Hypothese. Wenn auf der Basis der Hypothese erfolgreiche Therapien möglich sind, ist sie eine nützliche Hypothese.

Sich selbst bestätigende Symptomkomplexe

Wahnbildungen können, so heißt es im zitierten Fachbuch, einerseits auf Umwelteinflüsse, andererseits auf einen primär substratbedingten zerebralen Funktionswandel zurückführbar sein (238). Es gibt also keine einheitliche Theorie über die Ursachen des Wahns. Daß es eine Krankheit „Wahn“ gibt, ist daher eine Hypothese: vielleicht gibt es keine solche Krankheit, vielleicht ist ein Teil der Symptomatik, die heute als Wahn bezeichnet wird, eine Krankheit. Ob die Hypothese wenigstens nützlich ist, erscheint angesichts der Therapieerfolge fraglich.

Eine Theorie des Wahns müßte aufzeigen, wie die Symptome des Wahns untereinander zusammen hängen, wie etwa die subjektive Gewißheit mit der Unmöglichkeit des Inhalts zusammenhängt. Damit wäre gezeigt, daß die Symptome zu demselben Wirkkomplex gehören, Merkmale derselben Krankheit sind.

In der Praxis der psychiatrischen Diagnostik ist das Vorliegen der Krankheit „Wahn“ eine Frage der Definition. Fehlt ein kennzeichnendes Merkmal, so liegt die Krankheit eben nicht vor. Damit ist die Möglichkeit des wissenschaftlichen Zweifels am Krankheitsbild „Wahn“ ausgeschlossen. Der praktische Ausschluss wissenschaftlicher Zweifel müsste bei seriöser Herangehensweise eigentlich dazu führen, das Krankheitsbild „Wahn“ (und im Übrigen wohl die meisten Krankheitsbilder im ICD-10) als unwissenschaftlich anzusehen, bestenfalls als vorwissenschaftlichen Notbehelf.


Viele Menschen haben viele Merkmale. Einige Merkmale werden zu Gruppen zusammengefaßt. Dann werden den Merkmalsgruppen Menschen zugeordnet. Man kann mit beliebigen Merkmalen so verfahren. Es kann der Orientierung dienen, aber das Vorliegen einer Krankheit läßt sich dadurch nicht belegen. Nun wäre eine Zusammenfassung von Merkmalen sinnvoll, wenn die Merkmale einen inneren Zusammenhang hätten. Eine Merkmalsgruppe wie etwa „rothaarig, kurzsichtig und im August geboren“ macht wenig Sinn, denn es ist nicht bekannt, wie diese drei Merkmale substanziell miteinander verknüpft sind (ihr Zusammenhang wird lediglich äußerlich, durch die Gemeinsamkeit des Merkmalträgers „Mensch“, hergestellt).

Nichtsdestotrotz könnte man Menschen finden, auf die diese drei Merkmale zutreffen, und man hätte dann eine eindeutig festgelegte Gruppe von Menschen vor sich. Für diese Gruppe von Menschen ließen sich weitere gemeinsame und exklusive Merkmale finden, wenn man nur genügend danach sucht. Das ist eine Frage mathematischer Wahrscheinlichkeit, denn es lassen sich sehr viele Merkmale für relativ wenig Merkmalträger formulieren. (Für 1000 zufällig ausgesuchte Menschen lassen sich statistisch rund 3 Merkmale finden, durch die sie sich vom Rest der Menschheit signifikant unterscheiden.)

Was könnte der substanziell Zusammenhang von Merkmalen wie subjektive Gewißheit, Uneinfühlbarkeit oder Unmöglichkeit des Inhalts sein? Die Merkmale kommen verschiedenen „Objekten“ zu, sind einmal Eigenschaften und einmal Zuweisungen und befinden sich auf ganz unterschiedlichen Diskursebenen. Was sie in einen spezifischen Zusammenhang zu bringen scheint, ist einzig die Definition des „Wahns“. Die Merkmale werden durch den Wahn zusammengehalten. Der Wahn wird durch die Merkmale konstituiert.

Je genauer Kollektive etwas beschreiben, dessen Existenz eine Hypothese ist, desto wirklicher scheint es ihnen zu werden. Unter der hypothetischen Existenz des „Wahns“ verliert sich die nichthypothetische Existenz der Personen, der Wahnsinnigen. Und das, was Ausdruck ihrer Subjektivität und Individualität sein könnte, ihr Denken, gleich mit. Die Wahnsinnigen kommen zu ihrer Krankheit, indem sie sich auflösen.

Wie die Behandelnden zu ihren Wahnsinnigen kommen

Wir alle (bis auf die Wahnsinnigen) wissen natürlich, was Wahn ist und daß er existiert. Im zitierten Fachbuch wird eigentlich auch nicht viel mehr über den Wahn gesagt, als wir natürlicherweise sowieso schon wissen: Wahnsinnige glauben, daß Dinge wahr sind, die gar nicht wahr sein können, Wahnsinnige sehen die Welt nicht so, wie sie wirklich ist.

Wirklichkeitsbegriff

Dieser Beurteilung liegt der Glaube zu Grunde, Wirklichkeit könne so wahrgenommen werden wie sie ist. Der Glaube, Wirklichkeit sei so wahrnehmbar, wie sie ist, schließt bestimmte Vorstellungen als irreal aus dem Bereich des Möglichen aus. Dadurch entsteht der Eindruck, es gäbe ein eindeutiges Kriterium zur Identifizierung wahnhafter Ideenverknüpfungen: wahnsinnig ist jemand, der oder die Unmögliches für real hält. Da Wahnsinnige das nicht bemerken, stimmt etwas mit ihnen nicht: sie wissen nicht, was sie tun. Personen, die nicht wissen, was sie tun, können gar nicht anders als bevormundet werden.

Ohne den Glauben, Wirklichkeit sei so wahrnehmbar, wie sie ist, kann der Wahn nicht positiv vom Nicht-Wahn unterschieden werden. Für Nicht-Wahnsinnige würde das Aufgeben des Glaubens an einen objektiven Zugang zur Wirklichkeit eine Verunsicherung bedeuten, für Wahnsinnige aber eine respektvollere Behandlung. Normale Fachmenschen machen es sich auf Kosten derer, denen sie eigentlich helfen sollten, leicht. Dass sie das können, ist eine Frage sozialer Machtverhältnisse.

Im Glauben, Wirklichkeit sei so wahrnehmbar, wie sie ist, erscheinen soziale Bezüge als sachliche, und kollektive Beurteilungen als Beobachtungen. Welche sozialen Bezüge versachlicht und welche Beurteilungen als Beobachtungen objektiviert werden, ist ebenfalls eine Frage sozialer Machtverhältnisse.


Verwandlung sozialer in sachliche Bezüge

Wie soziale Bezüge in sachliche verwandelt werden, demonstriert der eintauchende Untersucher:

Wenn der sich in den Kranken durch „eindringliche Versenkung“ einfühlende Untersucher „hinter“ den deskriptiven Wahnkriterien auf ein nicht mehr mitvollziehbares, nicht weiter reduzierbares, letztlich unverständliches und somit radikal fremdes Erleben stoße, dann liege echter Wahn vor.

Der Untersucher tritt mit „dem Kranken“ in eine Beziehung, erlebt sich selbst aber als außenstehender Beobachter. Er sagt etwas über seine Beziehung zum anderen, meint aber, etwas über eine Sache (das Erleben) zu sagen. Das kann er, weil er fest daran glaubt, daß weder er noch sein Untersuchungsgegenstand durch die Interaktion verändert werden. Das muß er, weil er sonst keine objektivierbaren Feststellungen treffen könnte.

Noch ein Beispiel, wie kollektive Beurteilungen in Beobachtungen verwandelt werden:

Die klassische Psychiatrie unterscheidet zwischen Wahnwahrnehmungen und -einfällen. Die ersteren seien dadurch charakterisiert, daß an sich normalen Wahrnehmungen ohne rational oder emotional verständlichen Anlaß eine „abnorme“ Bedeutung beigemessen wird.

Hier wird beschrieben, wie Nicht-Wahnsinnige den Wahn beurteilen. Wahnideen sind danach solche, deren Zustandekommen Nicht-Wahnsinnige nicht verstehen oder nachempfinden können. Die Nicht-Wahnsinnigen sagen also etwas über sich selbst aus, und dadurch sagen sie etwas über den Wahnsinn. Das heißt: ohne die Nicht-Wahnsinnigen gäbe es keine Wahnsinnigen. Das kann aber nicht sein, weil der Wahn ja eine Krankheit ist, eine realweltliche Gegebenheit. Das darf auch nicht sein, denn wenn es so wäre, dann wäre der Wahn etwas, das die Beziehungen eines Menschen zu den anderen Menschen beträfe, etwas, das sich allererst innerhalb dieser Beziehungen verwirklichen würde. Der Untersucher wäre dann ja sozusagen ein Teil der Krankheit!

Demgegenüber liefert der herrschende Krankheits- bzw. Störungsbegriff den Eindruck einer substanzhaften Konstituierung der Gruppe der Wahnsinnigen. Wer zur Gruppe der Wahnsinnigen gehört, bestimmt sich danach aus den Merkmalen des Wahns, nicht aus dem Verhältnis der Wahnsinnigen zu Nicht-Wahnsinnigen. Daß in der Psychiatrie und Psychologie das Beobachtungsverhältnis zugleich auch ein soziales Verhältnis ist, kann dann erfolgreich verdrängt werden.

Subjekt-Objekt-Verhältnis

Die Beobachtung der menschlichen Psyche betrifft die Person ganz, nicht bloß teilweise wie etwas die Beobachtung der Lunge. (1) Eine lungenkranke Ärztin kann einen lungenkranken Patienten behandeln und sich ihrerseits von jemand anderen behandeln lassen. Das Subjekt-Objekt-Verhältnis ist im Prinzip durchlässig. Nicht so bei „psychischen Krankheiten“ bzw. „Störungen“. Wer in der Psychiatrie als psychisch krank gelabelt ist, sitzt auf der einen Seite des Subjekt-Objekt-Verhältnisses fest. Die Nicht-Wahnsinnigen sind vor den Wahnsinnigen sicher.(2)

Vorausgesetzt wird, daß die Wahrnehmungen des Untersuchers das wahnhafte Erleben so erfassen können, wie es ist. Damit dies geschehen kann, müssen die Wahrnehmungen der Menschen so beschaffen sein, daß sie einen Bezug zur Realität herstellen, so wie sie ist. Es muß sichergestellt sein, daß die Menschen dasselbe wahrnehmen, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf dasselbe Realphänomen (immer unterstellt, es existiere auch) richten.

Manchmal kommt es jedoch zu unterschiedlichen Auffassungen über die Realität, so wie sie ist. Um nun nicht die Realitätsgebundenheit menschlicher Wahrnehmungen in Frage stellen zu müssen, wird von der Wahrnehmung die Deutung der Wahrnehmung unterschieden. Wahrnehmungen bilden, so heißt es dazu in psychiatrisch/psychologischen Fachbüchern, den Ausgangspunkt von Interpretationen. So können Wahnsinnige an sich normale Wahrnehmungen haben, diese aber wahnhaft deuten. Zugleich können menschliche Wahrnehmungen als Inputs objektiviert werden. Nur, wenn Inputs objektiviert werden können, sind über den Output objektivierbare Rückschlüsse auf das System möglich, d.h. Aussagen über eine „vorliegende psychische Krankheit“. Gibt es „normale Wahrnehmungen“, so stellt sich angesichts wahnhafter Deutungen trotz normaler Wahrnehmungen die Frage nach einem systeminternen Defekt bei den Betroffenen zwangsläufig. Der Defekt folgt aus den Prämissen der Fragestellung.

Wäre die Umwelt für die Wahrnehmung nicht so unmittelbar zugänglich, so hätte die Rede von „normalen Wahrnehmungen“ lediglich statistische Bedeutung. Es wäre möglich, daß Wahnsinnige ihre Wahrnehmungen in ebenso angemessener Weise deuten wie Nicht-Wahnsinnige, wobei „angemessen“ sich auf die Wahrnehmenden beziehen würde, nicht mehr auf ein unabhängiges Dadraußen. Das Hauptkriterium für den Wahn wäre dann dahin, ebenso der Anspruch der UntersucherInnen, vermittels ihrer eigenen Wahrnehmungen einen unmittelbaren Zugang zu „Gegebenheiten“ in anderen Menschen zu haben. Die Wahrnehmungen und Deutungen der UntersucherInnen wären dann in derselben Weise hinterfragbar wie die der Wahnsinnigen, und es wäre für die UntersucherInnen nicht mehr so einfach möglich, sich aus ihren Beurteilungen herauszunehmen, um sie in subjektunabhängige Beobachtungen zu verwandeln. Die Untersuchten würden aus der Exklusivität ihres Gegenstandseins befreit, weil die UntersucherInnen zur Selbstreflexion angehalten wären, innerhalb derer die Untersuchten eine beeinflussende Rolle einnehmen würden.

Input und Output

Ein systeminterner Defekt im Sinne der anfangs dargestellten Grafik liegt vor, wenn ein gegebener Input zu einem unerwünschten Output führt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob der Input unerwünscht oder erwünscht ist – was nicht zuletzt für BefürworterInnen der herrschenden Ordnung einen interessanten Aspekt darstellt.

Von einem systeminternen Defekt wird dann nicht ausgegangen, wenn der Input auch nicht zum unerwünschten Output hätte führen können, wenn das System einen Handlungsspielraum hat. Ein systeminterner Defekt liegt dann vor, wenn das System nicht vermeiden kann, daß ein gegebener Input zu einem bestimmten unerwünschten Output führt. Das System ist dann nicht mehr autonom.

Jemanden „psychisch krank“ nennen und ihm oder ihr die Autonomie absprechen, ist dasselbe.

Die „psychische Krankheit“ ist eine besondere Erklärung für unerwünschte Outputs, die sich von anderen Erklärungen menschlichen Denkens, Empfindens und Handelns dadurch unterscheidet, daß sie systeminterne Prozesse unterstellt, die vom betroffenen Individuum nicht mehr kontrolliert werden können. Die Prozesse werden dadurch unabhängig von den Individuen beschreibbar, eben als Krankheiten bzw. Störungen.

Aber die Unkrontollierbarkeit ist noch nicht hinreichend, um von „psychischen Krankheiten“ sprechen zu können. Im Fachbuchtext wird z.B. von Affektspannungen gesprochen, die die Diagnose „Wahn“ ausdrücklich ausschließen sollen (11). Solche nicht krankhaften Unkontrollierbarkeiten sind zeitlich begrenzt. Psychische Krankheiten vereinnahmen dagegen die Person vollständig und für längere Zeit. Damit ist nicht bloß ein gewisser isolierbarer Vorgang als unkontrollierter Prozeß beschreibbar, sondern die gesamte persönliche Lebenswelt der Betroffenen.


Grund und Ursache

Sämtliche Regungen psychisch Kranker können als verursacht angesehen werden, als Ergebnisse eines im Prinzip lückenlos ausforschbaren Prozesses.

Es handelt sich dabei nicht bloß um eine theoretische Sichtweise und Fragestellung, nicht bloß um „Begriffe, die nichts weiter bewirken sollen als eine Verfeinerung der Beobachtung und eine Erleichterung ihrer Mitteilung“ (3), weil das Beobachten von Menschen zugleich auch eine Tat an Menschen ist, eine Tat, die Menschen verändert.

Im zitierten psychiatrischen Text erscheinen sogar die Inhalte der Gedanken psychisch Kranker als verursacht. Die Wahngedanken werden aus ihrem Begründungszusammenhang herausgelöst und in einen Bedingungszusammenhang gestellt. In diesem Zusammenhang verlieren sie jeden Sinn. Aber: jeder Gedanke verlöre seinen inhaltlichen Sinn, wenn er bloß unter dem Aspekt seiner Bedingtheit in einem eigengesetzlich ablaufenden Prozeß gesehen würde. Es ist, als würde man ein Ölgemälde durch die chemische und quantitative Zusammensetzung seiner Farben verursacht sehen. Natürlich gäbe es das Gemälde nicht ohne die Farben. Natürlich sähe das Gemälde anders aus, wäre die Zusammensetzung der Farben eine andere. Natürlich gibt es keinen empirischen Beleg dafür, daß ein Gemälde durch die Sammlung von Meßdaten nur unzureichend erfaßt wäre. Die Produkte von Menschen bekommen für andere Menschen erst dann einen Sinn, wenn die anderen ihnen einen Sinn unterschieben, wenn sie von ihrer eigenen Sinnerfahrung aus auf den fremden Ausdruck schließen. Wer nur beobachten will, möchte aber das genau vermeiden. In der reinen Beobachtung werden Kunstwerke zu bedeutungslosen Gegenständen und Menschen zu Automaten. (4)

Gerade, weil Wahngedanken als verursacht angesehen werden, wird ihre inhaltliche Begründung hinfällig. Es interessiert gar nicht, was die einzelnen Wahnsinnigen denken – hauptsache, es ist unmöglich, und in dieser Unmöglichkeit verschwimmen alle Unterschiede. Unterschiede, deren Kenntnis die Zusammenfassung „der Wahnsinnigen“ zu einer Symptomgruppe vielleicht in Frage stellen könnten, wenn die Fachmenschen ihre Gedanken so aufnehmen würden wie alle anderen: als bedeutungsvoll.

Im Begriff des „Wahns“ als psychische Krankheit müssen die Gedanken Wahnsinniger als inhaltlich unverständlich erscheinen, weil sie als Symptome der Krankheit gar keinen inhaltlichen Sinn haben können. Die Uneinfühlbarkeit ist im Begriff des Wahns schon angelegt. So kann es scheinen, daß die Uneinfühlbarkeit nicht der Unfähigkeit der Behandelnden sich einzufühlen entspringt, sondern mit dem „Wahns“ subjektunabhängig „gegeben“ ist.

Als Selbstbezeichnung ist der herrschende psychiatrische Begriff des „Wahns“ unpraktisch, weil er interne Handlungsmöglichkeiten ausschließt, und unmöglich, weil er sich selbst aufhebt. Ein Mensch, der oder die auf die psychiatrische Diagnose „Wahn“ mit den Worten reagierte: „Sie haben Recht, ich bin wahnsinnig.“ widerspräche der Diagnose. Die Diagnose „Wahn“ ist mit denen, die sie trifft, nicht kommunizierbar.

Allgemeine Folgerungen

Auf die Diagnose einer psychischen Krankheit gibt es im Prinzip nur zwei Möglichkeiten der Reaktion: Widerstand oder Selbstaufgabe – beides wird pathologisiert, eine Double-Bind Situation.

Als Indiz dafür, daß die Diagnose zutrifft, gilt u.a. der Widerspruch der Betroffenen, ihre mangelhafte „Krankheitseinsicht“. Wenn Einsicht in die eigene Krankheit ein wichtiger Schritt zur Gesundung ist, dann führt im herrschenden Modell von Krankheit der Weg zur Gesundung über die Annahme eines Bildes, das andere sich von einem machen, das widerspruchsfrei nur von anderen erzeugt werden kann, eines Bildes, das nicht selbstreflexiv entstehen kann.

Damit wird gefordert – nicht bloß festgestellt –, daß die Kranken auf eigenständige Integrationsversuche verzichten, um gesund werden zu können. Das Ziel der Behandelnden ist dann nicht, PatientInnen dabei zu helfen, sich besser zu fühlen (im doppelten Wortsinn). Das Ziel ist das Aufbrechen der personalen Integrität und die Implantierung einer anderen, als „normal“ geltenden. Eine Entwicklung ist nicht gewollt.

Vielleicht kann deshalb die Gabe chemisch wirkender Mittel als „Therapie“ angesehen werden: auf ihre desintegrierende und „persönlichkeitszerstörende Wirkung“ (5) kommt es ja gar nicht an, im Gegenteil. Je mehr Widerstand die Betroffenen ihrer Selbstauflösung entgegensetzen, als desto schlimmer gilt ihre Krankheit.

Das herrschende psychiatrische Krankheitsmodell bestätigt sich an der Praxis, indem es an den Menschen praktiziert wird. Es entzieht zunächst per definitionem den Kranken die Möglichkeit des Seins in einem Sinnzusammenhang, den die Gesunden für sich monopolisieren, und vollzieht dann mit chemischen Mitteln oder der Forderung nach „Krankheitseinsicht“ die Auflösung dieses Zusammenhangs auch praktisch. Die solcherart zerfallenden Menschen geraten in den sinnfreien Raum verursachter Prozesse und erscheinen dadurch als im Sinne des Krankheitsmodells beschreibbar. Je besser die Desintegration gelingt, als desto erfolgreicher erweist sich das Modell. Je weniger die Desintegration gelingt, als desto zutreffender erweist sich das Modell.

Alternative: Kranksein statt Haben

Als Ausweg bietet sich ein Krankheitsbegriff an, der auf das Konzept einzeln fixierbarer „Krankheiten“ verzichtet. Genauso wie bei „gesunden“ Reaktionen, Verhaltensweisen usw. ließen sich auch bei „krankhaften“ gewisse Regelmäßigkeiten feststellen, die es wie bisher ermöglichten, therapeutische Erfahrungen zu sammeln, weiterzugeben und in die Praxis umzusetzen. Genauso wie bei „gesunden“ Reaktionen, Verhaltensweisen usw. bräuchten auch bei „krankhaften“ solche Regelmäßigkeiten nicht von den Individuen abgetrennt zu werden, um zu Entitäten substanzieller Qualität zu gerinnen. Die individuelle Ausprägung des Krankseins bliebe dann genauso wesentlich wie die des Gesundseins.

Ein solcher Begriff von Kranksein (im Unterschied zu „eine Krankheit haben“) wäre für den gegenwärtigen medizinisch-wissenschaftlichen Betrieb und die Verwaltung von Bevölkerungen aber wenig brauchbar, allein schon weil sein Umfang sehr vage und keine eindeutige Abgrenzung zum Gesundsein möglich ist.

„Kranksein“ in diesem Sinn ist alltagssprachlich durch eine Vielzahl von Ausdrücken abgedeckt und dient als Selbstbezeichnung u.a. dazu, die Verantwortlichkeit für unerwünschte Handlungen etc. abzustreifen. Wie die „psychische Krankheit“ hat auch dieses „Kranksein“ eine Entlastungsfunktion: es sagt „Ich kann nichts dafür“, „Es beherrscht mich“ usw. Wie bei der „psychischen Krankheit“ kommt, wer so spricht, auch hier in den Widerspruch, sich etwas Bewußtloses bewußt zu machen. Aber sich in dem Sinne des „Krankseins“ krank zu nennen heißt immer auch, etwas nicht zu wollen, etwas anders zu wollen. Die Person bleibt im Zentrum ihrer Selbstsicht.

Eine „psychische Krankheit“ wird als Faktum festgestellt, während Kranksein ein widersprüchliches Verhältnis meint – zu den anderen oder zu sich selbst, zum Gesundsein. Dieses Verhältnis ist anders als eine „psychische Krankheit“ ohne weiteres kommunizierbar, würde aber Funktion und Inhalte der Diagnostik relativieren.

Als das, was Kranksein ausmacht, könnte gerade das Bestimmtsein durch verselbständigte Vorgänge angesprochen werden. Es käme dann darauf an, gegen dieses Bestimmtsein anzuarbeiten, anstatt die Behandlung darauf aufzubauen. Es käme darauf an, die verselbständigten Prozesse in die Person zurückzunehmen, zu reintegrieren, anstatt sie als Gegebenheit zu akzeptieren und in ihrem bloßen Verlauf beeinflussen zu wollen.

Insoweit wohl alle Menschen gewissen Mechanismen unterliegen, die sie nicht wünschen und an sich als fremd erleben, kann niemand als völlig gesund gelten. Krank zu sein, würde nicht mehr mit einem isolierten sozialen Status verbunden sein. Behandelt zu werden, führte nicht mehr über grundsätzlich andere Wege als die „ganz normalen“ Versuche, mehr Freiheit zu erlangen.

Was jemand an sich als fremd erlebt, hängt von der gesamten Person ab und könnte nicht mehr unabhängig davon beschrieben werden. Die Beschreibungen unkontrollierter Prozesse würden in dem Maße verallgemeinert wie vom konkreten Menschen abgesehen wird. Sie könnten so weit verallgemeinert werden, als sich die Menschen gleichen. Es würde nicht mehr der Eindruck konkret beschreibbarer Bedingungskomplexe entstehen, eben der Eindruck, verschiedene Menschen könnten dieselbe „psychische Krankheit“ haben, die sich auch exakt formulieren läßt. Menschen sind verschiedener als Schilddrüsen.

Überwindung des Subjekt/Objekt-Verhältnisses

Das Besondere an der Beobachtung der menschlichen Psyche gegenüber der Beobachtung anderer Objekte (auch gegenüber solchen, die nur Teile von Menschen betreffen) ist, daß der Gegenstand der Beobachtung mit einem Subjekt zusammenfällt.

Aus dem Prinzip der intersubjektiven Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Aussagen könnte sich daher auf dem psychologischen Wissensgebiet die Forderung ableiten lassen, daß die Aussagen über die Beobachteten im Prinzip auch von den Beobachteten gemacht werden können. D.h. die Aussagen über Menschen müssten in Selbstaussagen transformierbar sein, um Geltung beanspruchen zu können („Was ich über dich sage, kannst auch du über dich sagen.“).(6) Wird diese Forderung nicht erfüllt – was momentan der Fall ist –, bedeutet dies: den betreffenden Aussagen über die menschliche Psyche wird Wissenschaftlichkeit zuerkannt, weil diejenigen Menschen, über die diese Aussagen gemacht werden, aus der Gemeinschaft der Subjekte ausgeschlossen werden.

Verantwortung

Die Folgen, die der herrschende Krankheitsbegriff für „die psychisch Kranken“, ihre gesellschaftliche Stellung und ihr Selbstempfinden, hat, brauchen von den Behandelnden nicht verantwortet zu werden. Dafür, dass Wirklichkeit wahrnehmbar ist wie sie ist, woraus sich ergibt, dass Menschen psychische Defekte haben, kann ja keiner was.

Fällt diese Voraussetzung, so können Sichtweisen untereinander verglichen werden, nicht jedoch Sichtweisen von Menschen mit „der Wirklichkeit“. Wir hätten die Verantwortung für die eigene Sichtweise zu übernehmen.

„Wahn“ könnte dann als Sichtweise angesprochen werden, die außerhalb konsensueller Räume liegt, die daher vereinsamt. Ziel einer Behandlung wäre dann nicht die Zerschlagung der angeblichen Wahngebilde, die Löschung der wahnhaften Überzeugung (239), sondern die Entwicklung der Möglichkeit, an den Sichtweisen anderer teilzuhaben. Das Motiv der Behandlung wäre nicht mehr das angebliche Vorliegen einer Krankheit, sondern das Leiden an der eigenen Sichtweise.

Behandlungen gegen den ausdrücklichen Willen der Betroffenen könnten genausowenig legitimiert werden wie Zwangsbehandlungen im körperlichen Bereich. Es gäbe keinen denkimmanenten Ansatz mehr, doppelte Maßstäbe anzulegen: einen an „die psychisch Kranken“ als Objekte fremdbestimmender „Hilfe“, und einen anderen an „die Gesunden“ als selbstbestimmte Menschen.

Heute sind Wahnsinnige nur unzureichend durch einen außerhalb medizinischer Wissenschaftlichkeit liegenden Moralkodex geschützt – wieder nur als Objekte fremden Handelns. Immer wieder reibt sich dabei das „medizinisch Notwendige“ am „ethisch Vertretbaren“. Diese Zweigleisigkeit eignet sich zugleich recht gut als ethisches Entsorgungssystem: was sich unter einem moralischen Blickwinkel als Verbrechen darstellen könnte, läßt sich, auf die Ebene eines Sachverhältnisses verschoben, als Irrtum oder Fehler deuten.

Fußnoten

[1] Aufgrund der personalen Totalität des Labels „psychisch krank“ wird die „psychische Krankheit“ einen anderen sozialen Status als nicht-psychische Krankheiten behalten, so sehr sich einige auch das Gegenteil erhoffen. Der Ersatzbegriff „Störung“ suggeriert zwar einen partiellen Defekt in einem sonst intaktem Medium, aber unter den einzelnen „Störungen“ wird das verstanden, was vorher als „psychische Krankheiten“ bezeichnet wurde.

[2] Umgekehrt sind die Wahnsinnigen vor Nicht-Wahnsinnigen nicht sicher. Auf ihre Seite fällt die Grausamkeit auch dann, wenn sie deren Opfer waren. Der Krankheitsbegriff mit seiner strengen Scheidung vom Gesundsein funktioniert ideologisch als eine Art Seife, mit der man sich nachträglich von unangenehmen Verbündeten rein waschen kann. Die medizinische Klassifikation wiegt praktischweise schwerer als die soziale Konstellation. So wurde Hitler verwandt mit van Gogh, aber T4-Aktive bleiben auch „danach" noch Kinder des Hippokrates auf lukrativen Posten.

[3] H. Barz, Psychopathologie und ihre psychologischen Grundlagen, S. 13

[4] Wird ein Gemälde als chemische Farbzusammensetzung aufgefaßt, so ist es durch die Veränderung dieser Zusammensetzung möglicherweise zu verbessern. Ist ein Gemälde aber bedeutungsvoll, so kann eine Veränderung der Farbzusammensetzung seine Bedeutung nur verwirren. In Irren ist menschlich heißt es: „Wir verwandeln den psychisch leidenden vorübergehend in einen hirnorganisch kranken Menschen.“ Wie gut doch, daß diese Menschen unter hirnorganischen Erkrankungen nicht leiden. Sie empfinden dann vielleicht noch Schmerz, doch leiden tun sie nicht, denn Leid ist nur im Sinn, und der ist chemisch ausgesetzt.

[5] Oberlandesgericht Hamm, 23.09. 1981 (aus: Handwerksbuch Psychiatrie, S. 382)

[6] In Konsequenz der Subjekt-Objekt-Identität lässt sich in Humanwissenschaften das wissenschaftliche Kriterium der Intersubjektivität in das moralische „Was du nicht willst, das man dir tu'...“ übersetzen.

Siehe auch


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