Psychiatrisches Fachwörterbuch: Phobie

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Phobie = Angst/Furcht, von altgriechisch phobos

Phobos ist in der griechischen Mythologie der Sohn von Ares (Gott des Krieges) und Aphrodite (Göttin der Liebe). Der Bruder von Phobos heißt Deimos ("Schrecken").

Daraus lässt sich modernisierend ableiten: Um Angst empfinden zu können, benötigen wir Liebe und Krieg. Bei Phobien ist oft unklar, wo denn der Krieg stattfindet und um welche Liebe es geht. Die Phobie findet auf einem Schlachtfeld statt, das gegenüber dem eigentlichen Kriegs- und Liebesgeschehen verschoben ist, so dass wir heil aus einer Sache herauskommen bzw. sie sogar ganz vermeiden können, ohne die Sache aber komplett hinter uns lassen zu müssen. Das verschobene Schlachtfeld ist insofern ein Aufbewahrungsort.

Ob diese Deutung zutrifft, können diejenigen, die die Phobie "haben", merken. Andere (BeobachterInnen) können das nicht merken. Hat eine Person mit Phobie bemerkt, dass es bei ihrer Phobie um ein verschobenes Schlachtfeld geht, so kann sie bei angemessenen Lebens- und Sozialbedingungen wählen, ob sie diesem Bemerken nachgeht oder es lieber wieder unter den Teppich kehrt. Für beides kann es Gründe geben. Beides kann vernünftig sein. Die Phobie -- das ist ihr Vorteil gegenüber anderen Arten von Ängsten -- hält dauerhaft beide Möglichkeiten für die Person offen.

Unabhängig davon, ob es bei einer Phobie um ein verschobenes Schlachtfeld geht oder um etwas ganz anderes, kann eine Person bei angemessenen Lebens- und Sozialbedingungen wählen, ob sie gegen die Phobie anarbeitet oder ob sie die Phobie als "gegeben" akzeptiert. Auch hierbei gilt: Für beides kann es Gründe geben. Beides kann vernünftig sein.


Antiphobische Therapien

Um besser zu verstehen, was bei antiphobischen Therapien passiert, ein Gleichnis:

Wer einmal gelernt hat, mit dem Fahrrad zu fahren, kann nur unter ganz speziellen Bedingungen Fahrradfahren wieder verlernen. Man muss schon Gehirnteile entfernen oder dauerhaft lahm legen, damit eine Person Fahrradfahren wirklich verlernt. (Gehirn, weil eine Person bei Verlust z.B. der Beine nicht verlernt, Fahrrad zu fahren.)

Will man eine Person dazu bringen, Fahrradfahren zu verlernen, ohne Gehirnteile zu entfernen oder dauerhaft lahm zu legen, so gibt es nur eine einzige Möglichkeit: man muss die Person dazu bringen, dass sie fest glaubt, kein Fahrrad fahren zu können.

Dagegen gibt es viele Möglichkeiten, eine Person, die Fahradfahren gelernt hat, daran zu hindern, Fahrrad zu fahren: man kann die Person fesseln; man kann alle Fahrräder aus der Reichweite der Person entfernen; man kann die Person betrunken machen; ...

Bei Phobien geht es wie beim Fahrradfahren um verkörpertes Wissen. Ein Mann mit einer Spinnenphobie beispielsweise kann noch so viel über Spinnen wissen, noch so überzeugt sein, dass ihm nichts passiert: wenn er die Spinne sieht, radelt er los in die physische Panik. Ganz automatisch.

Eine erfolgreiche antiphobische Therapie (bei der keine Gehirnmasse weggeschnippelt wird) bewirkt, dass eine Person glaubt, sie habe in diesen oder jenen Situationen oder vor diesen oder jenen Gegenständen oder Tieren keine Angst mehr. Eine erfolgreiche antiphobische Therapie erzeugt nicht einen Zustand des Unwissens (man hat Fahrradfahren nie gelernt), sondern einen Zustand verdeckten Körperwissens. Handelt es sich bei einer Phobie um ein verschobenes Schlachtfeld, so verhindert eine erfolgreiche antiphobische Therapie zusätzlich, dass man den zu Grunde liegenden Krieg befriedet. Mit der Angst verliert man die Spur, die zum Krieg führt und auch zur Liebe. Dieser Umstand ist eine Entscheidung wert: Will ich das?

Es gibt auch Behandlungen, die lediglich bewirken, dass eine Person keine Angst haben oder die Angst zumindest nicht im großen Ausmaß entwickeln kann. Solche Behandlungen -- meist medikamentöse, aber auch z.B. hypnotische -- sind nicht im strengen Sinne "antiphobisch". Sie gehen nicht die Phobie selbst an, sondern die Fähigkeit der Person, ihre Phobie zu praktizieren, d.h. die Fähigkeit der Person, in diesen oder jenen Situationen oder vor diesen oder jenen Gegenständen oder Tieren physische Angst zu entwickeln. Wenn es gelingt, die Fähigkeit einer Person, ihre Phobie zu praktizieren, dauerhaft zu beseitigen, ohne dass antiphobische Mittel oder Methoden dauerhaft angewandt werden müssen, so laufen erfolgreiche antiphobische Therapien und Phobiefähigkeitsbeseitigungs-Behandlungen bezüglich des Ziels auf's Selbe hinaus: eine Phobie, die jemand nie mehr praktizieren kann, ist so gut wie eine beseitigte Phobie.

Allerdings hat die Beseitigung einer Fähigkeit eine ganz andere Bedeutung für eine Person als die Beseitigung dessen, worauf die Person ihre Fähigkeiten mal angewandt hat. Möglicherweise ist ein gescheiterter Therapieversuch zur Beseitigung einer Phobie für einen Menschen hilfreicher als ein geglückter Therapieversuch zur Beseitigung der Phobiefähigkeit. Möglicherweise auch umgekehrt. Mit solchen (feinen) Unterschieden hängt es zusammen, dass Prinzipien evidenzbasierter Medizin keine adäquaten Mittel der Qualitätskontrolle in der Psychotherapie sind.

Siehe auch


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