Nationale Verzehrsstudie
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Die Nationale Verzehrsstudie II (NVS II) wurde vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) in Auftrag gegeben. Die Studie umfasst 20.000 Interviews und gilt als repräsentativ.
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Ergebnisse
Jeder fünfte Deutsche ist viel zu dick. Das ist das Fazit der Nationalen Verzehrsstudie. Der Anteil der Menschen mit Fettleibigkeit nimmt danach im Alter deutlich zu. Entscheidend für den Umgang mit den Kilos sind auch der Bildungsgrad und die soziale Schicht.Bei den über 60-Jährigen liegt der Anteil der Fettleibigen bei rund 30 Prozent. Bei den Jugendlichen schwankt er je nach Alter zwischen sieben und 11 Prozent. ... Nach der Studie sind zwei Drittel aller Männer und die Hälfte aller Frauen übergewichtig. Sie leben mit einem BMI von über 25. ...
Der Anteil der untergewichtigen Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren ist deutlich gestiegen und liegt jetzt bei fast zehn Prozent. ...
In den Gruppen mit höherem Schulabschluss finden sich deutlich weniger Übergewichtige. Bei den Bürgern mit Hauptschulabschluss gibt es fast doppelt so viele Übergewichtige wie bei denjenigen, die eine Fachhochschulreife oder ein Abitur haben. ... In Haupt- und Realschulen gibt es mehr stark übergewichtige Schüler als in Gymnasien. ...
In der unteren Schicht sind demnach ein Drittel der Frauen fettleibig, in der Oberschicht nur noch zehn Prozent. Bei den Männern sind die Unterschiede geringer. Hier sind es ein Fünftel in der Unterschicht, 13 Prozent in der Oberschicht. Es gilt auch die Regel: Je höher das Einkommen, desto seltener kommt Übergewicht vor. ...
Wer ledig ist, ist häufiger rank und schlank. Egal ob Mann oder Frau, der Anteil der Normalgewichtigen ist hier deutlich höher. Die Tendenz zur gepolsterten Hüfte ist bei Männern mit Partnerin eindeutig. Drei Viertel haben hier Übergewicht im Vergleich zur Hälfte bei den Alleinlebenden. ...
Fünf Prozent der Befragten machten eine Diät, um Kilos loszuwerden – bei jungen Frauen waren es etwas mehr. Die wenigsten Teilnehmer der Studie konnten allerdings ihren Energiebedarf korrekt angeben. Nur acht Prozent schätzen diesen richtig ein. ...
Eingekauft wird von den Deutschen vor allem im Supermarkt. Je mehr Geld im Haushalt vorhanden ist, desto häufiger wird allerdings auch der Wochenmarkt oder der Naturkostladen angesteuert. ... In der Gruppe derer, die nur maximal 750 Euro monatlich zur Verfügung haben, kauft ein knappes Drittel dennoch - meist etwas teurere - Bioprodukte.
Lebensmittelkennzeichnung
Schon länger ist im Gespräch, eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel einzuführen. Die Kennzeichnung soll Nährwertangaben beinhalten, u.a. zum Zucker- und Fettgehalt - jedoch sollen nicht die eigentlichen Werte angegeben werden, sondern Werte in Bezug zu vernünftigen Tagesrationen (Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Seehofer in der Tagesschau vom 30.1.08).
Was sind vernünftige Tagesrationen für Büroangestellte, Bauarbeiter, Schwangere, Jugendliche mit Trichterbrust, ChemiearbeiterInnen, RollstuhlfahrerInnen, Putzfrauen, ProgrammiererInnen, HobbyheimwerkerInnen, KampfsportlerInnen ...?
Die geplanten Nährwertangaben werden einen Großteil der Bevölkerung in die Irre führen, weil es keine vernünftigen Tagesrationen gibt. Je nach Lebensumständen und Befinden ist eine unterschiedliche Komposition von Fetten, Zucker etc., sind verschiedene Körperfiguren und verschiedene Nahrungsmengen angebracht. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu gibt es nur in Ausnahmefällen - beispielsweise bezüglich Bauarbeiter und Menschen mit Herzfehlern.
Daher ist jedem und jeder zu raten, nach Gefühl zu essen - und sich dabei weder von regierungsamtlichem Pseudowissen noch von Reklame, von irreführenden Lebensmittelzusatzstoffen und irreführenden Lebensmittelverpackungen foppen zu lassen.
Die beiden letzten Punkte sind schwieriger zu schaffen. Dagegen, dass Lebensmittelzusatzstoffe den Körper irreführen - z.B. in Bezug auf die Vitamine, die er tatsächlich aufnimmt - lässt sich individuell kaum etwas anderes unternehmen, als weitgehenden Verzicht auf industriell vorbereitete Nahrung zu üben. Dagegen, dass Lebensmittelverpackungen die Psyche irreführen, lässt sich individuell kaum etwas anderes unternehmen, als beim Einkaufen im Supermarkt die Augen zu schließen.
Praktisch nötig wäre es, irreführende Lebensmittelzusatzstoffe und Verpackungen zu verbieten. Oder eigentlich wäre auch das nicht nötig. Denn dass es irreführende Lebensmittelzusatzstoffe und Verpackungen in die Bevölkerung gefährdendem Umfang überhaupt gibt, hat mit einer Wirtschaftsweise zu tun, die Gegensätze zwischen Nahrungsmittelherstellern und VerbraucherInnen konstruiert - mit einer Wirtschaftsweise, in der Nahrungsmittel nicht hergestellt werden, um die Menschen zu ernähren, sondern um Profite zu machen.
Bildung und Einkommen
"Bildung und Einkommen" werden als Kriterien genannt, nach denen sich Ernährungsverhalten und Körperfiguren unterscheiden lassen.
Nicht als Kriterien genannt werden u.a. die Arbeitsbedingungen. Menschen mit geringerem Bildungsgrad und Einkommen arbeiten meist körperlich bzw. sind auf körperliche Arbeit "eingestellt". In den betreffenden Familien wird entsprechend gekocht (was eine von nicht körperlich Arbeitenden bestimmte "Gesundheits"-Propaganda für "ungesund" erklärt). Doch werden in diesen Familien oft auch die Kinder entsprechend der Erfordernisse körperlicher Arbeit ernährt, obgleich deren Lebensweise anderes erfordern würde.
Ein weiteres Problem stellt die Flexibilisierung der Arbeitszeiten dar, die v.a. Menschen mit geringerem Bildungsgrad und Einkommen betrifft und deren Ernährungsweise durcheinander bringt. Über 50% der abhängig Beschäftigten arbeiten Samstags, Sonntags oder in Wechselschicht (Hans Böckler Stiftung).
Nötig wäre eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, damit alle genügend Zeit haben, sich um ihre Ernährung zu kümmern, und außerdem eine Verminderung der Schichtarbeit auf Bereiche, in denen sie unvermeidlich ist (z.B. Krankenhäuser, Polizei). Auch in diesen Fragen geht es wieder um eine Wirtschaftsweise, bei der nicht für die Menschen produziert wird, sondern für Profite. Dass immer weniger gearbeitet werden muss, um die Menschen mit den nötigen Gütern zu versorgen, könnte ein Segen sein. Im Kapitalismus wird es zum Fluch.
In diesem Land ist ein Traum in Erfüllung gegangen, den die Menschheit träumt seit Lucy: immer genügend zu essen. Aber unsere Gesellschaft ist so organisiert, dass daraus eine Gesundheitskrise wird. Das ist verrückt.
Angenommen, mangelnde Bildung wäre tatsächlich ein Grund dafür, dass in der Bevölkerung die statistische Verteilung der Körperfiguren aus den Fugen gerät. Dann lässt sich das Problem vergleichen mit dem eines Zoodirektors, der feststellen muss, dass mehr und mehr der Schimpansen in seinem Zoo krank werden. Ein vernünftiger Zoodirektor würde schließen, dass etwas mit den Lebensbedingungen im Schimpansengehege nicht stimmt. Aber was machen unsere Regierungs-Zoodirektoren? Sie schließen, dass die Lebensbedingungen im Schimpansengehege schon ganz okay sind und die kranken Schimpansen durch individuelle Modifikationsmaßnahmen an diese Lebenbedingungen anzupassen sind.
Selbstvertrauen
Nach der Verzehrsstudie sind zwei Drittel aller Männer und die Hälfte aller Frauen übergewichtig. All diesen Menschen wird letztlich unterstellt, sie handelten unvernünftig oder seien zu doof, sich angemessen zu ernähren. Eine ExpertInnen-Riege, die sich zutraut, über die Hälfte der Bevölkerung für unvernünftig oder doof zu erklären, leidet nicht gerade unter mangelndem Selbstvertrauen.
Erschreckend ist, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung tatsächlich für unvernünftig oder doof erklären lassen könnte. Viele Eltern gehen sogar so weit, ihre Kinder zu verraten. Anstatt den Kindern - wie noch vor einigen Jahren üblich - bedingungslos zur Seite zu stehen, wenn sie von Gleichaltrigen gehänselt werden, erklären immer mehr Erwachsene Kindern nun ihrerseits, dass deren Körper falsch sind. Kaum jemand scheint sich klar zu machen, was das für ein Kind bedeutet. Die Medienpropaganda gegen "Übergewicht" hat für dicke Kinder schreckliche, teilweise sogar lebensbedrohliche, Folgen. Siehe z.B. diese Beiträge von Kindern. Regierung, ExpertInnen und Massenmedien handeln verbrecherisch, wenn sie angesichts dieser Lage "Übergewicht" als Problem thematisieren. Da es sich um Ernährungsprobleme handelt, wäre es ohne weiteres möglich, in der Gesundheitsaufklärung das Thema "Übergewicht" ganz außen vor zu lassen. Die meisten Kinder, die sich ungesund ernähren und zu wenig bewegen, behalten schließlich Körperfiguren innerhalb des Normbereichs. Um diese Mehrheit braucht man sich aber nicht zu kümmern, wenn man die Körperfiguren der Kinder in den Mittelpunkt stellt. Das spart Geld und vermeidet Auseinandersetzungen um die generellen Bedingungen, unter denen Kinder in diesem Land aufwachsen müssen.
Wohin soll es führen, wenn sich Bürgerinnen und Bürger bei solchen Konsequenzen von ExpertInnen für dumm verkaufen lassen? Werden ExpertInnen der Bevölkerung demnächst erklären, sie sei zu unvernünftig und doof, die richtige Partei zu wählen?
Mit Wissen und Wissenschaft hat es nichts zu tun, wenn ExpertInnen über der Hälfte der Bevölkerung eine ungesunde Lebensweise unterstellen. Würden diese ExpertInnen wissenschaftlich vorgehen, so hätten sie allen Anlass, ihre Hypothesen zu hinterfragen, weil die Mehrheit der Bevölkerung sich nach diesen Hypothesen "ungesund" verhält. Entweder ist die Mehrheit der Bevölkerung unvernünftig und doof oder die Hypothesen der ExpertInnen stimmen nicht. Das ist eine politische Entscheidung.
Umweltbedingungen
Die meisten Lebensmittel werden in Supermärkten gekauft. Der Supermarkt ist eine "Umwelt" - so, wie für Menschen im Regenwald der Wald, ein Fluss oder eine Lichtung "Umwelt" darstellt.
Im Unterschied zu Wäldern, Flüssen usw. sind Supermärkte ganz und gar von Menschen gemacht. Daher können Menschen bestimmen, wie diese "Umwelt" Supermarkt aussehen soll. Zur Zeit wird Folgendes bestimmt:
Es soll möglichst viel verkauft werden - was, ist von der Sache her egal, Hauptsache, die Gewinnspanne stimmt.
So kommt es, dass z.B.
- Obst- und Gemüseregale und Süßigkeitenregale in Supermärkten einen ähnlichen Umfang einnehmen, obgleich von den Ernährungsbedürfnissen her Obst- und Gemüseregale räumlich deutlich stärker gewichtet werden müssten
- sich an den Kassen in Kinderaugenhöhe Süßigkeiten in leuchtenden Verpackungen befinden, obgleich Erwachsenen einige Umstände entstehen, um die Kinder vom Zugreifen abzuhalten
- sich an den Kassen in Erwachsenenaugenhöhe Flachmänner befinden, obgleich sie für AlkoholikerInnen eine arge Versuchung darstellen
Wer sich und Kinder gesund ernähren will, muss gegen diese Umwelt ankämpfen. Der Kampf gegen diese Umwelt wird im Wort "Aufklärung" verhüllt. Man soll am Ende darüber aufgeklärt werden, dass es nötig ist, gegen eine von Menschen gemachte Umwelt anzukämpfen, ohne auf die Idee zu kommen, die Umwelt so umzugestalten, dass man nicht gegen sie ankämpfen muss. Verquerer geht's nicht.
Eine veränderte Raumverteilung der Produkte in den Supermärkten könnte das Kaufverhalten zugunsten gesunder Ernährung verändern. Süßigkeiten sind Beiwerk zur Ernährung, also sollten sie in den Supermärkten auch wie Beiwerk angeboten werden. Besonders Kinder fahren auf bunt leuchtende Verpackungen ab. Weshalb also nicht Süßigkeitenverpackungen gegenüber Obst, und Süßgetränke gegenüber Mineralwasser und Obstsäften, farblos und langweilig gestalten? Weil Profitinteressen zu befriedigen wichtiger ist als die Gesundheit von Kindern zu schützen?
Außerdem: Sich gesund ernähren tut, wer sich seinen/ihren jeweiligen Umweltbedingungen angemessen ernährt -- nicht, wer sich gesund ernährt. Zu behaupten, es gebe eine gesunde Ernährung ohne Umweltbedingungen - eine gesunde Ernährung "an sich" - ist Quatsch.
Methodik und Organisation
Vorgehen bei der Verzehrsstudie:
- persönliches Interview zur Abfrage der soziodemographischen Daten, Ernährungsgewohnheiten inklusive Mahlzeitenstrukturen, Supplementen- und Medikamenteneinnahme und Körper-Messung
- Fragebogen
- zwei Telefonate, um den Verzehr der letzten 24 Stunden zu erfragen
- eine repräsentative Stichprobe von 1000 Leuten macht zwei viertägige Wiegeprotokolle
Unter lauter VertreterInnen aus Bildungseinrichtungen, Instituten und Behörden sitzt jemand von der Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG im Wissenschaftsbeirat der Studie.
Hintergrund
Organisiert hat die Studie die Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BfEL). (Zu diesem Institut siehe unten.)
Das BMELV erklärte zur Verzehrsstudie (ohne Datumsangabe, gelesen 2.2.08):
Das Lebensmittelangebot und unsere Ernährungsgewohnheiten haben sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Es ist zu erwarten, dass sich mit dem Lebensmittelverzehr auch die Nährstoffversorgung der in Deutschland lebenden Menschen verändert hat. Keiner weiß das jedoch genau. ... Die letzte repräsentative Erhebung liegt fast 20 Jahre zurück und betraf nur die alten Bundesländer. Aktuelle, für das Bundesgebiet repräsentative Informationen sind dringend erforderlich für Präventionsprogramme, die Verbraucheraufklärung sowie konkrete Empfehlungen an Risikogruppen. ...Die NVS II hat zum Ziel, für Deutschland repräsentative Daten zum aktuellen und üblichen Verzehr an Lebensmitteln aufzuzeigen und den Ernährungsstatus der Bevölkerung abzubilden. Die Verzehrsdaten ermöglichen Aussagen darüber, welche Nährstoffe die Bundesbürger zu sich nehmen. Untersucht wird beispielsweise, wie hoch der Fettanteil in der täglichen Kost ist und welche Vitamine oder Mineralstoffe mit der Nahrung aufgenommen werden. Gleichzeitig wird die Menge an Lebensmitteln erhoben, inwieweit z. B. angereicherte Lebensmittel oder Bio-Lebensmittel verzehrt werden. Zusätzlich werden u. a. Körpergröße und -gewicht, Angaben zur körperlichen Aktivität und soziodemographische Daten (Alter, Geschlecht etc.) ermittelt. Diese Angaben geben Auskunft über den allgemeinen Gesundheitszustand. Angaben zu Ernährungsgewohnheiten (wer isst wann, wo, was) geben wichtige Hinweise für individuelle und alltagstaugliche Ernährungsempfehlungen.
Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel (BfEL)
Seit Januar 2008 heißt die BfEL Max Rubner-Institut (MRI). Das Max Rubner-Institut ist die Forschungs- und Beratungseinrichtung des BMELV für den gesundheitlichen Verbraucherschutz im Ernährungsbereich (gelesen 2.2.08) und für die ständige Beobachtung für das Ernährungsverhalten der Bevölkerung Deutschlands zuständig.
Die Umbenennung ist mit einer "Reorganisation" verbunden. Wie sieht diese genauer aus?
Auf den Internetseiten des MRI wird zwar auf eine - vom BMVEL gemachte - Satzung verwiesen, doch ist diese Satzung im Internet (bisher? 2.2.08) nicht verfügbar.
Gesetzentwurf
Vom 25. Mai 2007 liegt ein Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung der Ressortforschung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Darin heißt es:
- Beim MRI handelt es sich um eine selbstständige Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz
- Das Leitungspersonal beim MRI soll mehr Kohle kriegen als das der früheren Bundesanstalt, denn: An die Leiterinnen oder Leiter der zukünftigen Bundesforschungsinstitute werden hohe Anforderungen, insbesondere im Hinblick auf wissenschaftliche Exzellenz, nationale und internationale Vernetzung sowie Eigenverantwortung - auch in den Bereichen Haushalt, Organisation und Personal - gestellt. ... eine Besetzung mit national und international anerkannten Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern [ist] nur möglich ist wenn ein entsprechender Anreiz geboten wird. Dies setzt eine angemessene Besoldung der Präsidentin oder des Präsidenten des jeweiligen Bundesforschungsinstituts voraus.
- Mittel- und langfristig ist mit der Neuordnung der Ressortforschung im Geschäftsbereich des BMELV eine Entlastung des Bundeshaushaltes verbunden.
Zum Vergleich: Die Ausgaben des Bundes für Forschung und Entwicklung im Ernährungsbereich lagen 1996 bei 140 Mio. DM und sind bis 2002 auf 35 Mio. € gesunken. (Aus: Empfehlungen des Wissenschaftsrats). - Das Max Rubner-Institut soll nach derzeitiger Planung in der Endausbaustufe über ca. 470 Dauerstellen verfügen.
Zum Vergleich: die bisherigen Institute, aus denen das MRI bzw. BfEL gebildet wurde (Bundesanstalt für Getreide-, Kartoffel- und Fettforschung; Bundesanstalt für Milchforschung; Bundesforschungsanstalt für Ernährung; Bundesanstalt für Fleischforschung; Teile der Bundesforschungsanstalt für Fischerei), hatten im Jahr 2004 rund 730 Planstellen. (Aus: Empfehlungen des Wissenschaftsrats).
Das Gesetz sollte bereits zum 1. Januar 2008, in Kraft treten - ist es vielleicht auch.
Empfehlungen des Wissenschaftsrats
Der Wissenschaftsrat [WR] berät die Bundesregierung und die Regierungen der Länder in Fragen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung. (WR-Info, gelesen 2.2.08)
Träger des Wissenschaftsrates sind gemeinsam die Regierungen des Bundes und der sechzehn Länder. Er besteht aus zwei Kommissionen, der Wissenschaftlichen Kommission und der Verwaltungskommission ... Die Wissenschaftliche Kommission hat 32 Mitglieder. Sie werden vom Bundespräsidenten berufen, und zwar 24 Wissenschaftler auf gemeinsamen Vorschlag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (MPG), der Hochschulrektorenkonferenz (HRK,) der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF), der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) und der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL) sowie acht Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf gemeinsamen Vorschlag der Bundesregierung und der Landesregierungen. (WR-Info, gelesen 2.2.08)
Vom Wissenschaftsrat sind Empfehlungen zur Entwicklung der Rahmenbedingungen der Forschung in Ressortforschungseinrichtungen am Beispiel der Forschungsanstalten in der Zuständigkeit des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) vom 30.1.04] verfügbar. Diese fordern
- Einführung eines internen Qualitätsmanagements und eines internen Bonussystems sowie externe Qualitätskontrolle durch das BMVEL
- ein verstärkt wettbewerbliches System mit besserer Integration in die Scientific Community, d.h. in den allgemeinen, immer mehr von Profitinteressen beherrschten Wissenschaftsbetrieb (sichtbar u.a. am Auseinanderdriften von Ernährungsbedürfnissen und wissenschaftsbasierten Entwicklungstendenzen wie Gentechnologie/Nanotechnologie in Lebensmitteln)
- Umverlagerung von Forschungsmitteln, die bisher die Bundesanstalten erhielten, auf öffentliche Ausschreibungen
- Absenkung der institutionellen Haushalte, [womit] ... die Ressortforschungseinrichtungen gezwungen [werden], die Drittmitteleinwerbung in ihrem Aufgabenbereich ... auf dem freien Drittmittelmarkt zu steigern
- Präkarisierung der Arbeitsverhältnisse der MitarbeiterInnen
- In Einzelfällen könnte auch an die Privatisierung von wirtschaftlich tragfähigen Bereichen gedacht werden und es sollte eine sukzessive Entstaatlichung vor allem auf dem Gebiet der Forschung zur Lebensmittelsicherheit einsetzen. Dies könnte mit einer ansteigenden Kostenbeteiligung der entsprechenden Industriezweige und mit einer Bildung von Kompetenznetzwerken aus staatlichen und privaten Forschungseinrichtungen zu einzelnen Themen eingeleitet werden. Stets sollte jedoch ein Kern von Forschung definiert werden, der weiterhin gemeinnützig orientiert und staatlich finanziert bleibt. Die Transparenz soll dabei durch Sicherung von Publikationsrechten gewährleistet werden und eine 4-wöchige Frist, innerhalb derer das Ministerium Drittmittelfinanzierungen untersagen darf.
Die Empfehlungen enthalten eine ausführliche Beschreibung, wie Bundesanstalten bisher funktionierten.
Siehe auch
- Empfehlungen des WR zu Public Private Partnerships (PPP) in der universitätsmedizinischen Forschung - Januar 2007 (Drs. 7695-07)
Grundsatzpapier Ernährungspolitik
Im August 2005 veröffentlichte der Wissenschaftlichen Beirat beim BMVEL ein Grundsatzpapier Ernährungspolitik. Darin wird auf Zusammenhänge zwischen dem Ernährungsverhalten der Einzelnen und gesellschaftlichen Bedingungen hingewiesen.
- Widersprüche zwischen Landwirten bzw. ihrer politischen Lobby und VerbraucherInnen
Auch die Landwirte und ihre politischen Vertreter sind wichtige Akteure in der Ernährungspolitik. Die Umorientierung in der Agrarpolitik von der rein agrarwirtschaftlichen Produktion hin zu einer verbraucherorientierten Agrarpolitik entlang der Lebensmittelkette (Food Chain) erfordert eine enge Verzahnung der genannten Politikfelder. Es scheint jedoch, als ob die Landwirtschaft ihre Rolle in der neuen Ernährungspolitik als Akteur noch nicht angenommen hat.
- Gegensatz zwischen BürgerInnen und wirtschaftlichen Interessen des Marktes
Ernährungspolitik umfasst ... [Die] Förderung einer wirksamen Organisierung der Verbraucher als Kompensation für die strukturellen Informations-, Beteiligungs- und Betroffenheitsasymmetrien und die staatliche direkte und indirekte Anbieterförderung.
Bei der Partizipation von Verbraucherorganisationen und anderen ernährungspolitisch engagierten zivilgesellschaftlichen Organisationen als Beobachter und Experten auf internationaler Ebene ... herrschen ganz besonders krasse Informations-, Beteiligungs- und Betroffenheitsasymmetrien vor.
- Macht von Lebensmittelketten
Die neun größten Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen hatten 2001 einen gemeinsamen Marktanteil von 95,4%. Für Konsumenten wird aufgrund dieser Entwicklungen die Lebensmittelproduktion und Lebensmittelvermarktung weniger transparent. Gesundheitliche, soziale und ökologische Aspekte der Prozessqualität von Lebensmitteln sind immer schwieriger erfahrbar.
- Beeinflussung durch Werbung
Durch die hohen investierten Werbesummen spielt ... die Ernährungswirtschaft einen aktiven Part in der Ernährungspolitik. Gegen Werbeeinschränkungen für Kinderprodukte und zu den geplanten nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben bei Lebensmitteln gibt es Widerstand von Seiten der Besitzenden (nicht unbedingt - aber teilweise auch - von Seiten der "Ernährungswirtschaft" als Ganzes, die ja zum größten Teil aus abhängig Beschäftigten besteht).
- Flexibilisierung
Die Flexibilisierung von Lebensentwürfen erfordert in anderen Handlungsfeldern (wie z.B. der Ernährung) eine Verringerung der Komplexität im Alltag. ... Das Essen „zwischendurch“ sowie das Ausprobieren fremder Küchen, verbunden mit dem Wunsch nach Abwechslung und „alles zu jeder Zeit an jedem Ort“ liegen im Trend. Gemeinsame Mahlzeiten (Familienessen) verlieren zumindest zeitweise an Bedeutung.
- Scheinvielfalt der Produkte
Die wachsende (scheinbare) Produktvielfalt mit immer zunehmenden Informationen (Produktzusammenhänge im globalen Markt) ... machen den Alltagsbereich der Ernährung zu einem schwer durchschaubaren Handlungsfeld und fördern dadurch die Nichtentscheidung oder Routinisierung.
Allgemeine Rahmenbedingungen in Deutschland
Zahlen und Zitat in diesem Absatz stammen, wenn nicht anders angegeben, aus: Consumer first? Shifting responsibilities in the German food system in the light of European integration and the BSE crises von Thorsten Lenz, Bundesforschungsanstalt für Ernährung (2004) -- übersetzt aus dem Englischen.
Landwirtschaft
- rund 4 Millionen Menschen arbeiten im Nahrungsmittelbereich; rund 10% aller Arbeitsstellen sind im Nahrungsmittelbereich
- der Anteil der Landwirtschaft an der Bruttowertschöpfung beträgt rund 1%; der Anteil am in der deutschen Wirtschaft erzielten Produktionswert 15% (Wissenschaftl. Beirat beim BMVEL)
Bruttowertschöpfung: Gesamtwert aller erzeugten Güter und Dienstleistungen abzüglich der Vorleistungen - der Selbstversorungsgrad mit Lebenmitteln liegt bei rund 90% (Stand 1998/99)
- der Anteil ökologischer Erzeugnisse an den landwirtschaftlichen Erzeugnissen insgesamt liegt bei knapp 2% (Westen) bzw. knapp 4% (Osten)
- knapp 7% der Nahrungsmittel auf dem Markt sind importiert; knapp 4% der in Deutschland produzierten Nahrungsmittel werden exportiert (Stand: 2000)
- 53% der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt (Wissenschaftl. Beirat beim BMVEL)
Bevölkerung
Die KonsumentInnen in Deutschland können in folgende Gruppen eingeteilt werden (Stand: 2001):
- rund 40% kaufen, was billig ist, wobei sie sich aber auch loyal gegenüber gewissen Marken verhalten
- rund 30% kaufen, was sie für gute Qualität halten, wobei ihre Lebensmittelpalette breit ist
- rund 15% kaufen "hedonistisch", legen auf Genuss und gutes Ambiente wert
- etwas mehr als 10% kaufen "umweltbewusst", wobei sie außer auf Umweltschutzaspekte auch auf ein gutes Preis/Leistungsverhältnis achten
Die meisten Lebensmittel werden in Supermärkten gekauft. Der Anteil von Discountern nimmt dabei zu.
Ernährungsverhalten (Stand: 2000):
- im Schnitt essen die Menschen 3,2 Mal pro Woche auswärts, wobei sie jeweils rund 5 € ausgeben
Wissenschaftl. Beirat des BMVEL: Die durchschnittlichen Ausgaben deutscher Haushalte für den Konsum von Nahrungsmitteln und Getränken betragen 4230 €/Jahr (15,6% der durchschnittlichen gesamten Ausgaben für privaten Konsum). Für die Außer-Haus-Verpflegung gibt ein durchschnittlicher Haushalt ca. 1085 €/Jahr aus. - 15% aller Malzeiten werden auswärts eingenommen
- Aufteilung der Ausgaben, wenn auswärts gegessen wird: 22% für Snacks, 10% in Kantinen, 11% in FastFood-Restaurants, 56% in anderen Restaurants und Cafés
- zum Kochen und für begleitende Arbeiten werden rund 66 Minuten/Tag aufgewendet - Tendenz sinkend
Lebensmittelindustrie und -handel
- Die Lebensmittelindustrie gibt jährlich rund 1500 Millionen € für Reklame aus, die Bundesregierung für Ernährungspolitik rund 39 Millionen € jährlich. (Stand: 2003)
Nach Wissenschaftl. Beirat des BMVEL betrug 2004 der Werbeetat der Ernährungswirtschaft von 2600 Millionen €.
- Die neun größten Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen hatten 2001 einen gemeinsamen Marktanteil von 95,4%. (Wissenschaftl. Beirat des BMVEL)
Europäische Integration und Lebensmittelsicherheit
Mit dem Gemeinsamen Markt setzte ein Wettbewerb nach unten ein bezüglich Nahrungsmittelqualität. Nationale Schutzmaßnahmen wurden abgebaut, weil diese den "freien Markt" behindern.
Im Zuge der veränderten Bedingungen des Gemeinsamen Marktes veränderte sich in den 1990er Jahren der Verbraucherschutz in Deutschland. Gab es zu Beginn der 1990er eine Vorstellung vom Verbraucher, der durch staatliche Authoritäten zu schützen, zu unterstützen und anzuleiten war, so machte der Gemeinsame Markt klar, dass zu vermarktende Produkte nicht reglementiert werden können - auch nicht auf der Basis des Verbraucherschutzes. ... Der Staat kann keine Lebensmittelsicherheit garantieren. Stattdessen muss die staatliche bzw. öffentliche Lebensmittelkontrolle sich auf einzelne Beteiligte, Produkte und Risiken orientieren. Für Unternehmen wurden Europäische Standards für Sicherheit und Qualitätsmanagement eingeführt, die als wesentliche Voraussetzung der Teilnahme am Europäischen Gemeinsamen Markt angesehen werden. Die eigentliche Verantwortung liegt bei den Nahrungsmittelherstellern selbst, und öffentliche Nahrungsmittelkontrollen können die Sicherheit der Produkte nur bis zu einem gewissen Grad garantieren.
Die Einführung von durch die Unternehmen anzuwendenden "Standards für Sicherheit und Qualitätsmanagement" bewirkte praktisch einen Abbau persönlicher Verantwortlichkeiten in der Entwicklung und Produktion. Hauptsächlich geht es bei diesen Standards darum, Dokumente zu produzieren, die es der jeweiligen externen Zertifizierungsstelle ermöglichen, den Unternehmen ohne allzu großes eigenes Haftungsrisiko willfährig zu sein. Die Zertifizierungsstellen werden von den Unternehmen bezahlt und arbeiten in Konkurrenz zueinander. Aufgrund des wirtschaftlichen Drucks führte die europäische Qualitätsbürokratie außerdem zu einem besonders für mittelständische und kleine Betriebe schmerzvollen Abzug von Arbeitskraft aus den eigentlich für die Qualität wichtigen Bereichen der Entwicklung und Produktion.
Nach dem BSE-Skandal Ende des letzten Jahrtausends wurden auf EU-Ebene und in Deutschland Veränderungsmaßnahmen bezüglich der Lebensmittelsicherheit ergriffen. Dazu gehörte die Umbildung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in das Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) im Jahr 2001.
Das Grundsatzpapier Ernährungspolitik des Wissenschaftlichen Beirat beim BMVEL vom August 2005 nennt u.a. folgende Verbesserungen:
- eine neue EG Verordnung 882/2004 für Lebensmittel- und Futtermittelüberwachung trat europaweit zum 1.1. 2006 in Kraft. Sie soll die Überwachungspraxis der EU – Länder vereinheitlichen und führt die Lebensmittel- mit der Futtermittelüberwachung zusammen, sodass eine Überwachung der gesamten Lebensmittelkette (Food Chain; „vom Acker/Stall zum Tisch“) möglich ist. Diese Verordnung sieht auch Sofortmaßnahmen vor, wenn Kontrollsysteme von Mitgliedsstaaten unzureichend sind. Sie stärkt damit deutlich den Verbraucherschutz im Ernährungsbereich.
- Als ergänzende Maßnahme zur Gewährleistung der Lebensmittelsicherheit wird seit 1995 ein Lebensmittel-Monitoring auf gesetzlicher Grundlage durchgeführt. Für diese Aufgabe ist seit dem 01.11. 2002 koordinierend das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zuständig. ... Im Ergebnis wurden z.B. 2002 in der Hälfte aller in Deutschland genommenen Proben Rückstände von Pestiziden gefunden, und fast jede zehnte Probe überschritt den zulässigen Höchstwert.
- Im Jahr 2003 wurden zwei sich ergänzende Untersuchungsprogramme im Rahmen des Monitorings durchgeführt (Warenkorb-Monitoring und Projektmonitoring). Aus in- und ausländischer Produktion kamen insgesamt ca. 5000 Proben zur Untersuchung. Dabei wurden in nur 54% der Proben keine Pflanzenschutzmittel und organischen Kontaminanten nachgewiesen. 4% der Proben lagen über den jeweiligen Höchstmengen. Der Kontamination mit Mykotoxinen muss in Zukunft besondere Beachtung geschenkt werden, da diese in 60% der gezogenen Proben nachgewiesen wurden. Bei Nitrat/Nitrit und den Elementen wie Cadmium, Blei, Zink etc. in Lebensmitteln traten nur in Einzelfällen Überschreitungen der Höchstmengen auf. Auch die Belastung von Lebensmitteln mit Krankheitserregern hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen, die Zahl der gemeldeten lebensmittelbedingten Infektionskrankheiten steigt
- Potenzielle Risiken durch Kombinationswirkungen von Stoffen bleiben jedoch auch nach Inkrafttreten der EU-Chemikalienverordnung REACH weiterhin in der Risikobeurteilung unberücksichtigt. Dies gilt bisher entsprechend auch für Forschungsergebnisse über Kombinationswirkungen von Stoffen mit anderen differenzierenden Faktoren wie Lebensalter, sozio-ökonomischen Stressfaktoren und kulturellen Besonderheiten.
Siehe auch
- Organisation des gesundheitlichen Verbraucherschutzes (Schwerpunkt Lebensmittel)
Gutachten der Präsidentin des Bundesrechnungshofes als Bundesbeauftragte für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung (Juli 2001), in: Schriftenreihe der Bundesbeauftragten für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung Band 8 - Was esse ich - Internetseiten zur Studie
- Übersicht zum Thema "Dick und dünn"
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