Grundlose Angst vor Zahnbehandlungen?
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In diesem Text wird versucht, die Angst vor Zahnbehandlungen näher zu ergründen. Bitte scheut euch nicht, hier reinzuschreiben. (Oben auf "bearbeiten" klicken.)
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Ausgangslage
Ein Dialog bei Zahnbehandlungsängsten könnte etwa so ablaufen:
Person A: "Obwohl meine Zahnschmerzen sehr schlimm sind, habe ich so große Angst vor dem Zahnarzt, dass ich nicht hingehe. Dabei bin ich sicher, dass die Schmerzen beim Zahnarzt geringer sein werden als meine jetzigen Schmerzen."
Person B: "Deine Angst ist unbegründet. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich hatte auch große Angst. Dann habe ich mich nach Jahren endlich überwunden, bin hingegangen und habe festgestellt, dass - obwohl der Zahnarzt sogar Zähne ziehen musste - alles völlig schmerzfrei war! Also überwinde deine Angst auch und gehe hin!"
Wovor die Angst?
Person A teilt indirekt mit, dass es nicht eigentlich die durch Zahnbehandlungen möglicherweise verursachten Schmerzen sind, vor denen sie Angst hat. Sie sagt außerdem, sie habe Angst vor dem Zahnarzt. Sie sagt nicht, sie habe Angst vor der Zahnbehandlung, vor dem Bohren, vor Spritzen, vor Schmerzen ...
"Angst vor dem Zahnarzt" wird gemeinhin und auch in Fachkreisen mit "Angst vor der Zahnbehandlung" ineins gesetzt. Das versteht sich nicht von selbst. Vergleiche z.B. "Ich habe Angst vor dem Röntgen", "Ich habe Angst vor dem Röntgenologen". - "Ich habe Angst vor der Operation", "Ich habe Angst vor dem Chirurgen".
Person B reagiert so, als könnten es allein Schmerzen sein, vor denen man im Zusammenhang mit Zahnbehandlungen Angst empfinden kann. Wenn es nicht eigentlich die Schmerzen sind, vor denen Person A Angst empfindet, kann die Erfahrung einer schmerzfreien Behandlung das Problem der Angst vielleicht lindern, aber nicht lösen.
Weshalb der Selbstwiderspruch?
Das Argument von Person B lautet: Das, wovor du Angst hast, wird nicht eintreten. Daher ist deine Angst unbegründet.
Person A weiß allerdings, dass das, vor dem sie Angst hat, nicht eintreten wird. Trotzdem weist Person B Person A darauf hin. Hier geht etwas schief. Person A sagt: "Ich habe Angst vor der Zahnbehandlung, obgleich ich weiß, dass sie (im Vergleich) harmlos ist." Und Person B antwortet: "Du brauchst keine Angst vor der Zahnbehandlung haben, weil sie (im Vergleich) harmlos ist." Offenbar ist die Antwort von B auf ein anderes Problem bezogen.
Ein alltäglicher Umgang für widersprüchliche Äußerungen besteht in der Differenzierung. Wenn jemand beispielsweise sagt: "Ich bin wasserscheu" und zehn Minuten später: "Ich liebe es, im warmen Wasser meiner Badewanne zu entspannen" dann ist das zunächst ein Widerspruch. Um ihn aufzulösen, differenzieren wir und denken uns etwa: Ersteres bezieht sich nicht auf warmes Badewannen-Wasser, sondern zum Beispiel auf die Ostsee.
Etwas Vergleichbares passiert bei der Aussage: "Ich habe Angst vor der Zahnbehandlung, obgleich ich weiß, dass sie harmlos ist" nicht. Weshalb nicht? Weshalb wird "Zahnbehandlung" nicht differenziert? Weshalb machen wir aus dieser Aussage kein: "Ich habe Angst vor Aspekt X der Zahnbehandlung und weiß, dass Aspekt Y der Zahnbehandlung harmlos ist"?
Die Annahme, dass unterschiedliche Aspekte X und Y bestehen, trifft wahrscheinlicher zu als die Annahme, dass Person A sich widerspricht.
Wenn eine Differenzierungsmöglichkeit nicht ergriffen wird, um einen Widerspruch auszuräumen, dann meist, weil die Begrifflichkeit dafür fehlt. Der Angst machende Aspekt X der Zahnbehandlung kann mangels geeigneten Begriffen nicht benannt werden. Deshalb scheint es so, als würde ein Aspekt X gar nicht bestehen.
Eine unvoreingenommene Forschung würde sich aufgrund der Widersprüchlichkeit aufmachen, Aspekt X zu identifizieren und Begriffe zu entwickeln, die ihn erfassen. Nach und nach würden die Dinge immer differenzierter gesehen, Aspekt X weiter untergliedert und vereinfachte Versionen der neuen Begriffe in die Alltagssprache übergehen. Vielleicht geschieht dies eines Tages. Zur Zeit geschieht es nicht.
Niemand scheint motiviert zu sein, die Widersprüchlichkeit der Aussage: "Ich habe Angst vor der Zahnbehandlung, obgleich ich weiß, dass sie harmlos ist" aufzulösen oder zumindestens die Möglichkeit einer Auflösbarkeit in Erwägung zu ziehen. Lieber mutet man Person A die Unterstellung zu, sie widerspreche sich selbst. Entsprechend kläglich fallen die praktischen Möglichkeiten für Person A aus: die Angst vor der Zahnbehandlung ist zu überwinden oder - wenn das nicht geht - zu betäuben. Andere Möglichkeiten werden nicht in Erwägung gezogen, erscheinen undenkbar. Dass so verfahren wird, hängt mit sozialen Normen zusammen.
Wieso die Angst?
Person B meint nicht, die Angst von Person A sei ohne Grund, wenn sie sagt: "Deine Angst ist unbegründet." Sie meint: die Angst ist dem unangemessen, was bei Zahnbehandlungen tatsächlich geschieht.
Aber stimmt das?
Angenommen, ein Mensch steht vor einer baufälligen Holzbrücke, die über einen Fluss führt. Der Mensch hat Angst, über diese Brücke zu gehen. Die Brücke könnte ja einstürzen. Er oder sie muss schon einen triftigen Grund haben, um über diese Brücke zu gehen. Während er oder sie über diese Brücke geht, wird die Angst größer und größer. Die Brücke knarzt und kracht. Aber schließlich erreicht der Mensch das andere Ufer. Die Brücke ist nur fast eingestürzt. Man hat es überlebt. Wäre es angemessen, wenn der Mensch sich nun hinstellte und riefe: "Ach, ich Esel! Meine Angst war ja ganz unbegründet"?
Im Gleichnis ist Person A die Brücke und die beiden Ufer. Die Zahnbehandlung entspricht der Belastung der Brücke durch das Gewicht des Menschen. Am diesseitigen Ufer treibt der Schmerz. Am jenseitigen Ufer winkt Schmerzfreiheit. Dass die Brücke baufällig sein könnte, d.h. die Zahnbehandlung auf eine psychophysische Struktur treffen könnte, die durch die Behandlung gefährdet wird, ist nicht vorgesehen.
Das nicht vorzusehen, ist unvernünftig, weil es die Angst erklären könnte und auch, weshalb sich manche Menschen erst ab einem gewissen Leidensdruck auf Zahnbehandlungen einlassen. Denn erst dann lohnt es sich, das Risiko bzw. die Belastung einzugehen.
Wenn Menschen das tun, werden manche feststellen, dass die Belastung gar nicht so groß ist, wie sie sich vorgestellt hatten. Dies lässt sich u.a. so erklären: Die psychophysische Struktur hat sich in einem Aspekt geändert, der einem nicht auffiel. Erst durch die Zahnbehandlung zeigt sich diese Änderung. Das könnte - muss aber nicht - bei Person B der Fall gewesen sein. Mangels Begrifflichkeit könnte Person B diese Sache so deuten: Ich hatte Angst vor Schmerzen, die dann aber gar nicht eingetreten sind. "Schmerz" steht dabei für alles Mögliche, für das die Alltagssprache keine Worte kennt. Die Angst könnte sich aber auch wirklich auf den körperlichen Schmerz beziehen. Nur lässt sich das nicht herausfinden/herausfühlen, solange unsere begrifflichen und gefühlsmäßigen Unterscheidungsmöglichkeiten derart eingeschränkt sind wie heute.
Manche Menschen werden feststellen, dass die Belastung durch Zahnbehandlungen so groß ist, wie sie erwartet hatten. Diese Menschen haben ihre psychophysische Struktur angemessen eingeschätzt. Entsprechend geht ihnen bei einer Zahnbehandlung nicht ein Licht auf wie Person B, dass alles ja gar nicht so schlimm sei wie sie dachten. Nach einer durchgestandenen Zahnbehandlung werden sie vernünftigerweise wieder genau so verfahren: Warten, bis es sich für sie lohnt, das Risiko bzw. die Belastung einer Zahnbehandlung auf sich zu nehmen.
Ein Problem entsteht, wenn dieses Warten nicht erlaubt ist, wenn es als unvernünftig gilt. Wer diese Norm und Wertung schluckt, kommt mit sich selbst in Widerspruch. Dann gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten: entweder diese Norm und Wertung als äußerliche Sache zu begreifen, die an einen herangetragen wird und die man aus guten Gründen nicht befolgt; oder diese Norm und Wertung über die eigenen Empfindungen zu stellen. Im letzten Fall bleibt der Selbstwiderspruch erhalten - wenn man es nicht schafft, die eigenen Empfindungen irgendwie ganz zu beseitigen. Genau darin besteht das Angebot antiphobischer Therapien: die der Norm und Wertung widersprechenden Empfindungen zu beseitigen. Ob ein Mensch das möchte und ob das medizinisch/psychologisch sinnvoll ist, lässt sich solange nicht entscheiden wie die Norm und Wertung als unhinterfragbar gilt.
Was tun?
Der Einfachheit halber werden im Folgenden nur weibliche Formen genannt - Männer sind natürlich auch gemeint.
Rollenspiel
Auch, wenn du nicht sagen kannst bzw. nicht weißt, wovor deine Angst eigentlich besteht, kann es helfen, die Zahnbehandlungssituation mit einer Freundin mal durchzuspielen.
Du bist Patientin, deine Freundin ist Zahnärztin. Ihr braucht
- ein Zimmer, in das hereingeführt wirst
- eine Art "Behandlungsstuhl" - normaler Stuhl und ein zweiter zum Beine hochlegen
- einen Teelöffel - steht allgemein für das Gefühl, dass etwas in den Mund kommt
- ein Esstäbchen - steht für langes dünnes Zahnbehandlungs-Instrument, z.B. Spritze
- einen großen Salatlöffel - steht für das Gefühl, dass so viel im Mund ist, dass man Angst hat, keine Luft mehr zu bekommen
- vielleicht einen weißen Kittel und Gummihandschuhe - wenn das Gefühl besteht, dass dies von Bedeutung ist
- auch andere Dinge können von Bedeutung sein - die fallen dann beim Rollenspiel vielleicht auf
Vielleicht fällt dir bei diesem Rollenspiel auf, das an der Zahnbehandlung eine konkrete Sache das Schlimmste ist. Dann kannst du mit deiner Freundin konkret überlegen, ob und wie sich das bei der wirklichen Zahnbehandlung vermeiden lässt. Zumindestens kann der Zahnärztin das gesagt werden. Vielleicht hat dann sie eine Idee dazu.
Das Rollenspiel ist möglicherweise auch nützlich, um Ängste abzubauen. Hilfreich kann es sein, die Rollen zu tauschen und während des Spiels zu erzählen, was man wahrnimmt und empfindet.
Platztausch
Direkt bei der Zahnärztin kann es helfen, für zwei Minuten die Plätze zu tauschen. Ich denke, das funktioniert besonders gut bei ängstlichen Kindern und leichteren Behandlungen bzw. bei der Diagnostik.
- die Zahnärztin legt sich in den Behandlungsstuhl
- die Patientin setzt sich auf den Zahnarztstuhl
- die Patientin bekommt einen Mundspiegel und betrachtet damit die Zähne der Zahnärztin
Optimalerweise passiert dadurch - außer dem, was wohl nahe liegt - Folgendes: die Patientin lernt außer der eigenen die Perspektive der Zahnärztin kennen. Wie von selbst entsteht daraus ein dritter psychischer Punkt, von dem aus die Zahnärztin und die Patientin wahrnehmbar sind. Dies ergibt ein recht stabiles Dreieck für die eigentliche Behandlung/Diagnostik.
Schmerz als Hilfe
Mit einer Zahnbehandlung zu warten, bis der Zahnschmerz eine gewisse - je nach Mensch unterschiedliche - Intensität erreicht hat, kann hilfreich sein. Dies soll anhand eines Modells erklärt werden (nach einem Gemälde, das in einer Zahnarztpraxis hing):
Das Bild soll das Modell einer psychophysischen Struktur darstellen, wie man sie in neuzeitlichen westlichen Kulturen anfindet.
Der äußere Ring (A) kennzeichnet die Grenze der Person zur äußeren Umwelt. Menschen empfinden sie beispielsweise, wenn ihnen jemand zu sehr "auf die Pelle rückt". Ausprobieren lässt sie sich, indem man ganz langsam die flache Hand auf eine Menschen zubewegt. Ab einem bestimmten Abstand "passiert etwas".
Medizinische Behandlungen finden häufig im Innern des äußeren Rings statt (B). Sie stellen einen Eingriff in die Person dar. Dadurch geraten die Elemente im Innern der Person, die kleineren Ringe, in Bewegung. Dass ein Mensch dadurch nicht vollkommen durcheinander gerät, hängt mit dem inneren bläulichen Ring (C) zusammen. Er kennzeichnet den Kern der Person. Ein Mensch kann beispielsweise eine schlimme Operation überstehen oder sich durch einen Unfall sehr verändern - bleibt aber dennoch derselbe.
Die bläuliche Farbe des inneren Rings steht dafür, dass der Kern der Person etwas mit Bewusstsein zu tun hat. Veränderungen in diesem Bereich können aus einem Menschen eine andere Persönlichkeit machen.
Wir werden nicht mit dem inneren Ring geboren. Er ensteht mit der Zeit. Die Persönlichkeiten von Kindern reagieren gewöhnlich sehr viel empfindlicher auf Eingriffe in B als die Erwachsener, wobei Kinder aber oft eine große Flexibilität besitzen, solche Eingriffe auszugleichen.
Nun handelt es sich aber bloß um ein Modell, um die in neuzeitlichen westlichen Kulturen übliche Art, sich als Person zu organisieren und Eingriffe in die Person "abzufangen". Je nach den Lebensumständen können für einen Menschen andere Formen der Selbst-Organisation nützlicher sein als das Standardmodell. Dies wäre zum Beispiel eine Möglichkeit:
Eine so funktionierende Person wird anders auf Eingriffe in Bereich B reagieren als eine nach dem "Ring-Modell" funktionierende Person. Elemente des persönlichen Kerns können ebenso in Bewegung geraten wie eher äußerliche Elemente der Person. Das Bewusstsein ist dabei beweglich und offen. Es wird möglich, Dinge bewusst zu empfinden, die sich nach dem "Ring-Modell" funktionierende Menschen kaum vorstellen können.
Verschiedene Modelle der Selbst-Organisation haben ihre je eigenen Vorteile und Nachteile. Gilt aber ein Modell als allein mögliches und erlaubtes, so kommen die Menschen, die anders funktionieren, in Bedrängnis. Es werden ihnen Dinge unterstellt und von ihnen Dinge erwartet, die für sie keinen Sinn machen, wobei aber "die Standardmenschen" gar nicht bemerken, dass sie den anderen Beschränkungen auferlegen und ihnen das Leben schwer machen. Dagegen hilft allein: eine freiheitliche Gesellschaft - jedeR nach seiner/ihrer "Façon" - mitmenschlicher Respekt. Tatsächlich gibt es "Standardmenschen" gar nicht. Wir sind alle verschieden, niemand funktioniert exakt nach "Sollmodell".
Wenn jemand mit einer psychophysischen Struktur, die dem "Schlangen-Modell" eher entspricht als dem "Ring-Modell", Zahnbehandlungen erdulden muss, so kann akuter Zahnschmerz hilfreich sein, indem er einen Kontrapunkt setzt:
Der Punkt des Schmerzes bildet eine Kraft, die die gerichtete Kraft der Zahnbehandlung abfängt. Deren Bewegung setzt sich dann nicht so leicht fort, um die Elemente der Person durcheinander zu wirbeln. Es ist wie ein Stein, den man nicht ins Wasser wirft, sondern in Matsch, in eine Dichte der Aufmerksamkeit, die der Schmerz erzeugt.
Sicherlich gibt es Möglichkeiten, diesen Effekt auch ohne Schmerz zu erreichen. Etwas entstehen solche Möglichkeiten schon, indem sie hier vorstellbar gemacht werden. Allein, um die zur Anwendung solcher Möglichkeiten erforderlichen Fähigkeiten kultivieren zu können, müsste diese Gesellschaft und ihre Medizin offener sein als sie jetzt ist.
???
Was lässt sich noch bei Ängsten vor ZahnärztInnen und/oder Zahnbehandlungen tun?
Siehe auch
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