Grundlagen der Schulmedizin: Verantwortung

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In schulmedizinischen ärztlichem Handeln liegt eine Komponente des Unverantwortbaren dem Individuum gegenüber. Diese Komponente soll im Folgenden untersucht werden.



Inhaltsverzeichnis

Ausgangslage

Je nach Nutzen und Alternativen erscheint auf der Ebene von Populationen der Einsatz therapeutischer Mittel verantwortbar oder auch nicht.

Bei unverzichtbaren Antibiotika beispielsweise dürfen ein paar Tote pro Zehntausend durchaus hingenommen werden. Antibiotika retten Leben. Verzichtbare Mittel gegen verstopfte Nasen tun das nicht. Daher wäre es vielleicht angebracht, auch nur beim Verdacht auch nur eines durch ein verzichtbares Mittel gegen verstopfte Nasen hervorgerufenen Todesfalls dieses Mittel vom Markt zu nehmen.

Das, was auf Populationsebene als akzeptables Risiko erscheint (höchstens n Tote oder irreversibel Geschädigte bei angebbarem Nutzen), entspricht auf individueller Ebene einer Art von Risiko, die in anderen Zusammenhängen (z.B. landwirtschaftliche Gentechnik, Kernenergie) zu einer Ablehnung motiviert, sie einzugehen. Solche Risiken haben folgende Merkmale:

  • die Eintrittswahrscheinlichkeit einer Gefährdung ist größer als Null
  • es kann ein maximaler Schaden eintreten, der angesichts des Nutzens oder möglicher ungefährlicherer Alternativen zur Erreichung desselben Nutzens nicht akzeptabel ist
  • die möglichen Schadensabläufe sind experimentell nicht antizipierbar

Mangels Allwissenheit muss die Eintrittswahrscheinlichkeit eines für einen konkreten Menschen nicht akzeptablen Schadens durch ein therapeutisches Mittel außer vielleicht bei Verabreichung künstlich mineralisierten Wassers grundsätzlich größer Null gesetzt werden. Am Individuum kann eine Therapie nicht vorab getestet werden, um dann anhand des Testausgangs zu entscheiden, ob die Therapie an diesem Individuum auch angewendet wird.

Wie lässt sich unter diesen Bedingungen ärztliches Handeln am Individuum verantworten?

Es gibt folgende idealtypische Lösungen, die in der Praxis häufig inkonsistent und vermischt auftreten:

Lösung 1: Verschiebung der Verantwortung auf den Patienten

ÄrztIn: „Hallo PatientIn, ich kann Sie umbringen oder Ihnen Krebs verpassen, indem ich jetzt dies Mittel anwende. Aber es ist sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich.“

PatientIn: „Klar, so ist das eben. Machen Sie nur!“

ÄrztIn einige Zeit später: „Ah, Sie müssen sterben/haben Krebs - und nachweislich durch dieses Mittel? Selber Schuld! Ich hatte Sie gewarnt!“


Diese Lösung befriedigt vor allem Ärzteversicherer; ÄrztInnen selbst (hoffentlich) nicht.

Verknüpft ist diese Lösung mit einem Konzept, in dem PatientInnen als „KundInnen“ vorgestellt sind, die eigenverantwortlich entscheiden, ob und welche Gesundheitsleistungen sie „konsumieren“. Wie beim Kauf von Zigaretten, Autos oder Bohrmaschinen gehen sie dabei Risiken ein, die nicht den Herstellern oder Verkäufern anzulasten sind. In der Konsequenz dieses Konzepts steht die Reduktion der Medizin auf eine ökonomisch motivierte Unternehmung, an deren Produkte und Dienstleistungen wie auch an Zigaretten, Autos und Bohrmaschinen gewinnversprechende „Nachfrage“ besteht.


Lösung 2: Entsorgung der Verantwortung

ÄrztIn: „Hallo PatientIn, ich kann Sie umbringen oder Ihnen Krebs verpassen, indem ich jetzt dies Mittel anwende. Aber da auf Populationsebene der Nutzen den für Sie möglichen Schaden überwiegt, handle ich moralisch korrekt.“

PatientIn: [muss nichts sagen]

ÄrztIn einige Zeit später: „Ah, Sie müssen sterben/haben Krebs - und nachweislich durch dieses Mittel? Nun, wo gehobelt wird, da fallen Späne!“


Diese Lösung befriedigt vor allem Staatsapparate und Krankenversicherer; ÄrztInnen selbst (hoffentlich) nicht.

Verknüpft ist diese Lösung mit einem Konzept, in dem PatientInnen als „Exemplare“ einer „Gattung“ vorgestellt sind. Ärztliche Aufgabe ist dabei primär der Erhalt der „Gattung“; auf die einzelnen „Exemplare“ kommt es dabei nicht so an. In der Konsequenz dieses Konzepts stehen Eugenik und "Euthanasie", eine Ethik à la Peter Singer.

Lösung 3: Leugnung der Sache

ÄrztIn: „Hallo PatientIn, indem ich jetzt dies Mittel anwende, kann ihnen überhaupt nichts passieren.“

PatientIn: [muss nichts sagen]

ÄrztIn einige Zeit später: „Ah, Sie müssen sterben/haben Krebs - und nachweislich durch dieses Mittel? Nun, das verdränge ich ganz schnell!“


Diese Lösung ist unter ÄrztInnen die wohl verbreitetste. SchulmedizinerInnen, die eine Ethik à la Peter Singer ablehnen und verstehen, dass PatientInnen keine „KundInnen“ sind, haben gar keine andere Lösung als die Verleugnung des Problems. Deshalb ist die Wahl dieser Lösung weniger eine intellektuelle Entscheidung als eine Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung des persönlichen Verantwortungsgefühls.

Verknüpft ist diese Lösung mit einem quasireligiösen Konzept des eigenen Handelns. ÄrztInnen sind PriesterInnen mit direktem Draht zu einer Gottheit, die sie mit Wissenschaft verwechseln. Es ist solchen ÄrztInnen unmöglich, verantwortungslos zu handeln. Leider werden dabei die PatientInnen entmündigt und die Glaubensinhalte weitgehend von der Pharmaindustrie festgelegt.


Lösung 4: Kommunikatives Handeln

ÄrztIn: „Hallo PatientIn, lassen Sie uns überlegen, welche Mittel wir anwenden.“

PatientIn: [muss viel sagen]

ÄrztIn einige Zeit später: „Ah, Sie müssen sterben/haben Krebs - und nachweislich durch dieses Mittel? Das tut mir wirklich Leid!“


Voraussetzung für diese Lösung ist, dass das Leid auch tragbar ist. Tragbar wird das Leid durch eine Reduktion der Verantwortung auf ein verantwortbares Niveau.

Lösung 4 bedeutet, Körper, Geist oder Psyche eines Patienten oder alles zusammen als Kommunikationspartner aufzufassen, der Auskunft über die zu verwendenden Mittel gibt. Diese Lösung beinhaltet u.a., Ängste und Abneigungen der PatientInnen gegen bestimmte Mittel auch dann zu berücksichtigen, wenn keine „wissenschaftlichen“ Gründe dafür bestehen. Denn erfasst werden kann und muss die Wirkung von Mitteln auf die Gesamtperson und nicht lediglich die Wirkung von Mitteln auf Teile oder Subeinheiten der Person, die keine Kommunikationspartner darstellen. (Siehe dazu auch Ganzheit und Statistik.)

Verantwortung besteht dort, wo Macht ausgeübt wird. Daher kann ein Problem nicht verantwortbaren Handelns durch Abbau von Macht gelöst werden. Macht lässt sich im medizinischen Bereich abbauen, indem ein Handeln am Patienten in ein Handeln mit dem Patienten verwandelt wird. Der schulmedizinische Ansatz, Körper und Psyche von PatientInnen als Gegenstände aufzufassen, an denen Behandlungen zu vollziehen sind, wird damit grundsätzlich in Frage gestellt. Es liegt nahe, den schulmedizinischen Ansatz grundsätzlich in Frage zu stellen, weil er ein Handeln impliziert, das die Handelnden nicht verantworten können. Individuell nicht verantwortbares Handeln sollte eine soziale Struktur höchstens in Notfällen vorsehen, aber nicht zum Regelfall machen.

Gepflegt wird Lösung 4 u.a. in der Homöopathie und beim Shiatsu, wo die Kommunikation mit der Klientin fast ausschließlich nonverbal/körperlich stattfinden kann. Gute ShiatsutherapeutInnen „reden“ mit den Körpern ihrer KlientInnen. Im schulmedizinischen Bereich wird Lösung 4 zur Zeit v.a. in der Palliativversorgung praktiziert. Man entscheidet durch Einfühlung, welche Maßnahmen für diesen speziellen Patienten jetzt gut wären und ist jederzeit aufgrund der Reaktionen der Patientin zu Änderungen bereit. Möglich wird dies im Rahmen der Schulmedizin, weil aufgrund der geringen Relevanz möglicher Folgeschäden durch die Verabreichung von Mitteln angesichts des nahen Todes weniger Nötigung zu Lösung 3 besteht.

Siehe auch


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