Grundlagen der Schulmedizin: Kommunikation

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Strategisches und kommunikatives Handeln

In dem Buch "Nachmetaphysisches Denken" (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1992, S. 69-72) unterscheidet Jürgen Habermas zwischen strategischem und kommunikativem Handeln:

Die [sprachlichen] Interaktionstypen unterscheiden sich zunächst nach dem Mechanismus der Handlungskoordinierung, insbesondere danach, ob die natürliche Sprache nur als Medium zur Übertragung von Informationen oder auch als Quelle der sozialen Integration in Anspruch genommen wird. Im einen Fall spreche ich von strategischem, im anderen von kommunikativem Handeln. Während hier die konsenserzielende Kraft der sprachlichen Verständigung, d.h. die Bindungsenergien der Sprache selbst für die Koordination der Handlungen wirksam wird, bleibt dort der Koordinationseffekt abhängig von einer über nicht-sprachliche Tätigkeiten laufenden Einflußnahme der Aktoren auf die Handlungssituation und aufeinander. Aus der Perspektive der Beteiligten gesehen, müssen sich die beiden Mechanismen der überzeugungsmotivierenden Verständigung und der verhaltensinduzierenden Einflußnahme ausschließen. Sprechhandlungen können nicht in der doppelten Absicht ausgeführt werden, mit einem Adressaten Einverständnis über etwas zu erzielen und gleichzeitig bei ihm etwas kausal zu bewirken. Aus der Sicht von Sprechern und Hörern kann ein Einverständnis nicht von außen imponiert, nicht der einen Seite von der anderen auferlegt werden - sei es durch unmittelbaren Eingriff in die Handlungssituation oder durch die indirekte, wiederum am jeweils eigenen Erfolg kalkulierte Einflußnahme auf die propositionalen Einstellungen eines Gegenspielers. Was ersichtlich durch Gratifikation oder Drohung, Suggestion oder Irreführung zustande kommt, kann nicht intersubjektiv als Einverständnis zählen; ein solcher Eingriff verletzt die Bedingungen, unter denen die illokutionären Kräfte Überzeugungen wecken und "Anschlüsse" herstellen.
Im strategischen Handeln verändert sich die Konstellation von Sprechen und Handeln. Hier erlahmen die illokutionären Bindungskräfte ...

Einführung in die Sprechakttheorie am Beispiel einer Zahnbehandlung

Eine Patientin betritt die Zahnarztpraxis.

Die Zahnärztin sagt: „Schön, dass Sie sich auch mal wieder blicken lassen.”

Die Zahnmedizinische Prophylaxeassistentin (ZPA) sagt: "Mannschaft X kam ins Viertelfinale." (Es sind gerade Fußballweltmeisterschaften.)

Im Folgenden werden diese beiden Sprechakte nach der Unterteilung von John L. Austin näher betrachtet.


Lokutionärer, illokutionärer, perlokutionärer Akt

Austin unterteilt einen Sprechakt in drei Komponenten:

  • lokutionärer Akt -- Sachverhalt
    • etwas sagen -- "saying something"
    • lateinisch "locutio": das Sprechen
  • illokutionärer Akt -- Modus
    • etwas tun, indem man etwas sagt -- doing something "in saying something"
    • z.B. einen Befehl erteilen, eine Frage stellen, eine Behauptung aufstellen
    • "il" im Sinne von "nicht" --> nichtsprachlicher Akt (analog: "illegal" -- "nicht legal")
  • perlokutionärer Akt -- Zweck
    • etwas tun, dadurch, dass man es sagt -- doing something "by saying something"
    • z.B. sagt jemand: "Mir ist kalt." und will damit jemanden auffordern, die Heizung einzuschalten
    • lateinisch "per": durch (das Sprechen)

Zahnreinigungssprechakt nach Austin

  • Lokutionärer Akt -- Sachverhalt: Mannschaft X kam ins Viertelfinale.
  • Illokutionärer Akt -- Modus: Hiermit informiere ich Sie (und befehle nicht etwa oder mache einen Witz), dass Mannschaft X ins Viertelfinale kam.
  • Perlokutionärer Akt -- Zweck: Angst der Patientin vermindern.


Menschen könnten auch „einfach so“ über Fußball reden. Dann bestünde der perlokutionäre Akt zum Beispiel darin, den Gesprächspartner über die Fußballweltmeisterschaften auf dem Laufenden zu halten, sich die Zeit mit Small Talk zu vertreiben oder dergleichen. Möglicherweise liegt in solchen Fällen gar kein perlokutionärer Akt im engeren Sinn vor: "Akt" bedeutet vielleicht eine Handlung mit gewisser Ausdrücklichkeit. "Akt" ist bei Austin vielleicht nicht gemeint als etwas, das irgendwie so passiert, und das sowieso passiert - einfach, weil es wohl keine menschliche Handlung gibt, die nicht irgendeinen Zweck erfüllt.

Wenn eine Person A etwas zu einer Person B sagt, so bezweckt A fast immer mindestens eine konkrete Verhaltensänderung bei B: B soll A Aufmerksamkeit schenken.


Hilfsweise nenne ich

  • perlokutionäre Akte
    • Sprechzwecke wie Mannschaft X kam ins Viertelfinale --> Angst der Patientin vermindern
    • doing something "by saying something" quer zu dem, was gesagt wird
  • perlokutionäres Sowieso
    • Sprechzwecke wie Mannschaft X kam ins Viertelfinale --> den Gesprächspartner über die Fußballweltmeisterschaften auf dem Laufenden halten
    • doing something "by saying something" stimmig zu dem, was gesagt wird

Irgendwo im zuständigen Wissenschaftszweig werden sicherlich entsprechende Unterscheidungen gemacht und begrifflich besser erfasst worden sein (hoffe ich doch -- Hinweise bzw. entsprechende Änderungen dieses Textes sind erbeten).


Moralisch betrachtet dominiert perlokutionäres Sowieso meist bei aufrichtigen Sprechakten, während perlokutionäre Akte bei manipulativen Absichten dominieren. Aber dies ist nicht immer so (Ein "Mir ist kalt." ist nicht notwendig ein unaufrichtiges "Bitte schalte die Heizung ein." --> Es ist komplizierter.)


Generell stellen sich perlokutionäre Akte wie auch perlokutionäres Sowieso anders als lokutionäre Akte nicht „zur Debatte“. Perlokutionäre Akte bzw. perlokutionäres Sowieso dienen nicht der Verständigung über das, was mit einem Sprechakt bezweckt wird.

Eine Verständigung darüber, dass eine Patientin keine Angst haben muss, wäre selbst auf einen lokutionären und illokutionären Akt angewiesen. Etwa so:

  • Lokutionärer Akt -- Sachverhalt: Sie brauchen keine Angst zu haben, denn wir haben neuartige Instrumente, so dass es nicht mehr weh tun wird.
  • Illokutionärer Akt -- Modus: Hiermit informiere ich Sie (und befehle nicht etwa oder mache einen Witz), dass Angst überflüssig ist.
  • Perlokutionäres Sowieso -- Zweck: Angst der Patientin vermindern.


Der Unterschied lässt sich gut erkennen, wenn wir die Antwortmöglichkeiten vergleichen:


  • Lokutionärer Akt -- Sachverhalt: Sie brauchen keine Angst zu haben.
  • Illokutionärer Akt -- Modus: Hiermit informiere ich Sie (und befehle nicht etwa oder mache einen Witz), dass Angst überflüssig ist.
  • Perlokutionäres Sowieso -- Zweck: Angst der Patientin vermindern.
  • Antwort der Patientin: Aber Angst habe ich nicht.


  • Lokutionärer Akt -- Sachverhalt: Mannschaft X kam ins Viertelfinale.
  • Illokutionärer Akt -- Modus: Hiermit informiere ich Sie (und befehle nicht etwa oder mache einen Witz), dass Mannschaft X ins Viertelfinale kam.
  • Perlokutionärer Akt -- Zweck: Angst der Patientin vermindern.
  • Antwort der Patientin: Aber Angst habe ich nicht.


Perlokutionäre Akte lassen sich daran erkennen, dass sie scheitern können, während der zugehörige lokutionäre und illlokutionäre Akt der Sprechhandlung gelingt.

Im Beispiel: Die Patientin kann durchaus den Sachverhalt verstehen, dass Mannschaft X ins Viertelfinale kam und durchaus verstehen, dass es sich um eine Information handelt und nicht um einen Befehl oder Witz. Trotzdem kann die Sprechhandlung misslingen -- wenn sie nämlich nicht zur Angstreduktion beiträgt.


Die Situation der Patientin ist komplex

Um im Rahmen des sozial Erwarteten zu bleiben, muss die Patientin sowohl zu erkennen geben, dass lokutionärer und illokutionärer Akt gelungen sind, als auch, dass der perlokutionäre Akt erfolgreich war, ohne dies zur Sprache zu bringen. Dies erfordert seinerseits eine Sprechhandlung mit zielgerichtetem perlokutionärem Akt.

Einfacher für die Patientin wäre es, den perlokutionären Akt nicht zu bemerken. Die Folge könnte allerdings ein zeitraubender Monolog über Mannschaft X sein, den die PDA nicht beabsichtigt hatte. Oder die Patientin könnte ausdrücken, dass sie Fußball nicht interessiert: ebenfalls eine Wirkung, die die PDA nicht beabsichtigt hatte.


Die Wahrscheinlichkeit der Unfähigkeit zur Deutung perlokutionärer Akte steigt mit der Wahrscheinlichkeit des Nichtvorliegens normalerweise erwarteter Bedingungen.

Im Beispiel “Angst”: Liegt keine Angst vor, muss die Patientin wissen, dass erwartet wird, dass normalerweise Angst vorliegt, um den perlokutionären Akt zu verstehen. Wer abweicht, muss oft doppelt schlau sein, um nicht dumm dazustehen!

Die kommunikativen Risiken sind ungleich verteilt

  • Lokutionärer Akt der ZPA: Mannschaft X kam ins Viertelfinale.
  • Lokutionärer Akt der Patientin: Aber Angst habe ich nicht.
    (Direkt auf perlokutionäre Akte reagieren fast ausschließlich Kinder, in der Kommunikationstheorie „DesKaisersNeueKleider-Effekt“ genannt. – Das ist jetzt ein Witz ...)
  • Lokutionärer Akt der ZPA: Das habe ich auch gar nicht behauptet.


Für das Scheitern eines perlokutionären Akts ist nie diejenige Person verantwortlich, die den Akt ausführt, sondern immer ihr Gegenüber: entweder hat es etwas nicht/falsch verstanden oder es verweigert die Mitarbeit an der Kommunikation.


Dieser -- ethisch fragwürdige -- Effekt lässt sich durch soziale Hierarchien -- auf ethisch nicht weniger fragwürdige Weise -- neutralisieren. TherapeutInnen und Eltern z.B. können gefahrlos perlokutionäre Akte ihrer KlientInnen/Kinder auf die lokutionäre Ebene bringen, insoweit KlientInnen/Kindern die Souveränität abgeht, “Das habe ich auch gar nicht behauptet.” zu behaupten.

Auf der anderen Seite: Der perlokutionäre Akt kann eine nützliche Schutzvorrichtung sein -- besonders für Mädchen und jüngere Frauen, die ja allem Möglichen ausgesetzt sind und durch nicht sprachlich basierte Reaktionsweisen eher als Jungen/junge Männer "aus der Rolle fallen" würden. Einige Menschen entwickeln im "Perlokutionieren" eine wahre MeisterInnenschaft. Einige verlieren gar die Fähigkeit -- wenn sie sie denn überhaupt entwickeln durften --, beim Sprechen mit anderen Menschen nicht zu "Perlokutionieren": der perlokutionäre Akt wird spontan. Viel hängt von den Bezugspersonen der Kindheit ab und von deren (Ver-)Bildung. Stichwort: Meinst-du-nicht-auch-blabla-Eltern.


Die Schutzfunktion perlokutionärer Akte wird deutlich im Vergleich:

Zahnärztlicher Begrüßungssprechakt fast nach Austin

“Schön, dass Sie sich auch mal wieder blicken lassen.”

  • Lokutionärer Akt -- Sachverhalt: Sie sind zu lange nicht hier gewesen (“mal wieder”). / Sie sind trotzdem willkommen (“schön”).
  • Illokutionärer Akt -- Modus: Hiermit informiere ich Sie auf sarkastische Weise ...
  • Perlokutionäres Sowieso -- Zweck: Begrüßung, Kritik


Weshalb liegt hier ein perlokutionäres Sowieso vor und nicht ein perlokutionärer Akt?

Sachverhalt und Modus von “Schön, dass Sie sich auch mal wieder blicken lassen.” bleiben missverständlich, wenn man nicht bemerkt, dass Kritik mitschwingt. Der Zweck stimmt daher mit dem zusammen, was gesagt wird.


Entsprechend risikolos kann die Patientin reagieren:

  • Möglichkeit A: Hä?! Wieso?! Ich war doch erst vor 4 Jahren da!
  • Möglichkeit B: Gleichfalls schön, Sie mal wieder zu erblicken.
  • Möglichkeit C: “Schön” für Sie vielleicht ...
  • Möglichkeit D: Sarkasmus ist unangebracht, weil ...
  • Möglichkeit E: Jaaa, das ist mir unangenehm, aaaber ...
  • Möglichkeit F: [nichts sagen]
  • ...

So gesehen, im Vergleich, ist “Schön, dass Sie sich auch mal wieder blicken lassen.” ein geradezu waghalsiger Sprechakt -- und ein freiheitlicher.

Siehe auch


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