Grundlagen der Schulmedizin: Behinderung

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"Behinderung" ist ein Konzept, das mit der Industrialisierung entstanden ist.

Beispiel 1: Ein Schuhmacher vor der Industrialisierung soll Schuhe machen. Er weiß, dass jeder Mensch andere Füße hat. Die Übergänge von Allerweltsfüßen zu ganz besonders "anderen" Füßen sind fließend. Das, was für den Schuhmacher ein besonders "anderer" Fuß ist, folgert er aus seiner Arbeit, z.B. daraus, dass seine übliche Lederschnittweise nicht gut funktioniert. Das, was für den Kunden ein besonders "anderer" Fuß ist, folgert der aus anderen Dingen, z.B. daraus, dass er humpelt oder Schmerzen beim Gehen hat. Die Erfahrung des "Anderen" beim Schuhmacher kann mit der Erfahrung des "Anderen" beim Kunden zusammenfallen, muss aber nicht. Alle Kombinationen sind möglich: der Schuhmacher findet den Fuß besonders eigenartig und der Kunde nicht; der Kunde findet seinen Fuß anormal und der Schuhmacher nicht ... Es gibt kein gemeinsames Maß, auf dem sich der Begriff der "Behinderung" gründen könnte. -- Schuhproduktion bei vollendeter Industrialisierung: alle Füße, die nicht in industriell gefertigte Schuhe passen, werden als Gruppe erfahrbar, wobei es so aussieht, als bräuchten diese Füße Sonderbehandlung. Parallel zur praktischen Etablierung eines Standardfußes in der Gesellschaft werden in der Medizin Nicht-Standardfüße kategorisiert und pathologisiert (die seit langem bekannten anatomischen Zeichnungen, die "Füße wie sie normalerweise aussehen" darstellen, bekommen dadurch einen anderen Sinn). Das Anderssein eines Fußes kann erst nach Etablierung eines Standardfußes als allgemeingültiger Maßstab so scheinen, als handele es sich um eine Eigenschaft des Fußes, die unabhängig davon ist, ob jemand humpelt, Schmerzen beim Gehen hat oder Schwierigkeiten, passende Schuhe herzustellen.

Beispiel 2: Eine Dorfschmiede vor der Industrialisierung wird als Familienbetrieb geführt. Der Sohn arbeitet deutlich langsamer als der Vater. Man hat aber sonst keine Vergleiche, wie noch andere arbeiten -- auch würde man kaum auf die Idee zum Vergleichen kommen (dass Zeit Geld ist, ist ein Gedanke des 18./19. Jahrhunderts). Der Sohn wandert in die Stadt und landet in einer Manufaktur für eiserne Gartentore. Hier fällt auf, dass er "anders" ist, weil alle anderen schneller arbeiten als er. Zum Beispiel könnte der Sohn unter einer neurologisch erklärbaren motorischen Verlangsamung "leiden". Aber auch, wenn der Sohn z.B. eine missgebildete Hand hätte, hätte er noch keine "Behinderung" gehabt, sondern er hätte eben eine missgebildete Hand gehabt -- nicht vergleichbar oder zusammenfassbar mit der Hand des Buchhalters der Gartentor-Manufaktur, die ebenfalls missgebildet sein kann. Für solche Zusammenfassung gab es keinen Grund.

Beispiel 3: Nachdem der Buchdruck erfunden wurde, wollten viele Menschen Lesen lernen. Allerorten entstanden kleine Läden wie heute die Fahrschulen. Ein Schild solch eines Laden machte mit dem Sruch Werbung (ungefähr): "Wer es bei uns nicht lernt, kriegt sein Geld zurück." Legasthenie ist erst möglich, wenn ein Standard gesetzt ist, den alle erfüllen sollen.


Siehe auch


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