Frühpädagogik
Aus UngesundlebenWiki
Inhaltsverzeichnis |
Pädagogik allgemein
Erwachsene mögen es meist nicht gern, wenn andere sie mit einem Erziehungsgedanken im Hinterkopf behandeln. Es ist dann keine Kommunikation "auf Augenhöhe" möglich. Mit pädagogischen Ansprüchen sind soziale Hierarchien verbunden.
Gegenüber Kindern werden diese Hierarchien als berechtigt empfunden. Hauptsächlich werden dafür zwei Begründungen gegeben:
- Erwachsene wissen mehr
- Kinder müssen beschützt werden
Aus diesen Aspekten wird ein Führungs- und Kontrollrecht gegenüber Kindern abgeleitet.
Man stelle sich vor, auf der Erde würden Aliens landen - um ein Vielfaches intelligenter, wissender, weitsichtiger als Menschen. Dürften diese Aliens mit den Menschen tun, was Erwachsene mit Kindern tun? Zum Beispiel den Menschen vorschreiben, was sie wann zu lernen haben?
Auch Erwachsene müssen beschützt werden - zum Beispiel durch die Polizei. Darf die Polizei deshalb ein allgemeines Ausgehverbot für Frauen ab 22:00 Uhr verhängen?
Ein Führungs- und Kontrollrecht gegenüber Kindern lässt sich sachlich ebenso wenig und ebenso viel begründen wie ein Führungs- und Kontrollrecht gegenüber Erwachsenen. Ist ein Erwachsener zum Beispiel gerade dabei, in einen fahrenden Lastwagen zu laufen, darf ich ihn zurückreißen. Weiß jemand nicht, dass eine Flüssigkeit giftig ist, darf ich ihn daran hindern, sie zu trinken. Werde ich von einem Erwachsenen verbal oder körperlich attackiert, darf ich mich wehren. Weiß ich mehr als ein anderer oder bin ich körperlich stärker, so habe ich diesbezüglich eine Verantwortung gegenüber dem anderen, aber eben nicht Führungs- und Kontrollrechte bezüglich seines Körpers, seines Geistes, seiner Psyche.
Die pädagogische Behandlung von Kindern fußt auf ihrer Einordnung als grundsätzlich andere "Art" von Menschen. Strukturell entspricht der Führungs- und Kontrollanspruch gegenüber Kindern dem, was in der Vergangenheit mit Nicht-Adeligen, mit Frauen und mit Schwarzen Menschen gemacht wurde.
Gleiche Lebens- und Bildungschancen
Ein häufiges Argument für frühpädagogische Maßnahmen lautet: den Kindern sollen unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft gleiche Bildungschancen verschafft werden. Unhinterfragt wird dabei unterstellt, dass die Bildungschancen eines Menschen entscheidend sind für dessen zukünftige soziale und wirtschaftliche Stellung. Aber weshalb ist das so?
Wodurch rechtfertigen sich zum Beispiel die enormen Einkommensunterschiede zwischen einer Putzfrau und einem Akademiker? Weshalb muss es einem Analphabeten auch materiell schlecht gehen, wo er doch schon so genug Probleme hat? Weshalb müssen Arbeiterfamilien in zu engen und kaum lärmgeschützen Wohnungen leben, während Mittelstandsfamilien in die Vorstädte ziehen, um die "Zurückgebliebenen" in den Städten mit ihrem Pendlerverkehr zu belästigen? Weshalb sind Deutsch-Unkundige sozialen Ächtungen ausgesetzt? Weshalb wird handwerkliches Geschick geringer geachtet als intellektuelles Geschick? Weshalb zahlt sich Mitgefühl weniger aus als zum Beispiel naturwissenschaftliche Begabung?
Bei der Begründung frühpädagogischer Maßnahmen mit gleichen Bildungschancen werden die Kinder als Vehikel benutzt, ungerechte soziale Verhältnisse zu zementieren. Nicht die sozialen Verhältnisse sollen an die Menschen angepasst werden, sondern die Menschen sollen möglichst früh an die sozialen Verhältnisse angepasst werden. Dabei heraus kommen nicht bessere Lebenschancen für alle Kinder, sondern Erhaltung der sozialen Ungerechtigkeit auf immer höherem Allgemeinbildungsniveau - was immerhin besser ist als soziale Ungerechtigkeit auf niedrigem Allgemeinbildungsniveau.
Dass es bei den staatlichen und privatwirtschaftlich gesponserten Bestrebungen zur Verankerung frühpädagogischer Maßnahmen um die Kinder ginge, bleibt so lange eine Lüge wie nicht parallel dazu die Diskriminierung von Menschen aufgrund von Bildungsunterschieden abgebaut wird. Das Bildungsniveau darf nicht über den Wert eines Menschen und dessen Glück entscheiden. Solange dies aber der Fall ist, geht es nicht um die Kinder, weil es generell nicht um die Menschen geht.
Siehe auch
- Jedes Kind zählt – Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder als zukunftsweisende Aufgabe einer vorsorgenden Gesellschaftspolitik (2006)
Expertise im Auftrag der Bertelsmann Stiftung
Lenken der Aufmerksamkeit, Spielen
In Schriften und Plänen zur Frühpädagogik wird immer wieder betont, dass das Kind im Mittelpunkt steht und entsprechend der spielerische Aspekt. Letztlich geht es aber darum, die Aufmerksamkeit von Kindern auf gewisse Sachverhalte zu lenken. Führt ein Kindergarten z.B. mit den Kindern Experimente im Bereich der Chemie durch, so wird die Aufmerksamkeit der Kinder auf gewisse naturwissenschaftliche Prozesse gelenkt.
Dazu ein paar Beispiele "aus dem Leben gegriffen":
Dort, wo ich wohne, sind viele Erwachsene auf Fahrrädern unterwegs. Oft werden sie von Kindern auf Fahrrädern begleitet. Man hört dabei Rufe wie: "Sie' nach vorn!" JedeR kennt das wohl. Sogar beim Gehen müssen manche Kinder aufgefordert werden, hinzusehen, wo sie hingehen. Die Aufmerksamkeit der Kinder schweift umher.
Ich gehe meistens zu Fuß, fahre kein Auto und überwinde längere Strecken ausschließlich auf Schienen. Wie schwierig die selektive Wahrnehmung ist, wurde mir deutlich, als ich nach sehr langer Zeit wieder einmal Fahrrad fuhr. Ich musste mir quasi selbst zurufen: "Sie' nach vorn!" Es entgeht einem beim Fahrradfahren eine unglaubliche Menge interessanter Details.
Anlass und Motiv dafür, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, ist ein Ziel. In der Frühpädagogik liegt dieses Ziel in der Zukunft. Die Kinder selbst sehen dieses Ziel nicht, d.h. sie werden in der Lenkung ihrer Aufmerksamkeit unvermeidlich fremdbestimmt. Das Ziel besteht im Grunde genommen darin, später in dieser Gesellschaft leistungsfähig und erfolgreich zu sein - und zwar in einer Gesellschaft, wie sie JETZT ist bzw. wie ihre Zukunft aus einer an die JETZIGE Gesellschaft angepassten Haltung heraus vorausgeahnt wird. Es lohnt, über die Logik dieses Konzeptes und seine Implikationen für die kulturelle und sozioökonomische Weiterentwicklung einer Gesellschaft einmal genauer nachzudenken.
Eine Nachbarin erzählte mir einmal von einer psychologischen Studie. Frauen wurden aufgefordert, an dieser Studie teilzunehmen. Dazu wurden sie einzeln in ein Wartezimmer gesetzt. Im Wartezimmer saß eine Frau mit Kleinkind auf dem Schoß, von der die anderen annehmen mussten, es handele sich ebenfalls um eine Teilnehmerin, die auf ihren Aufruf wartet. Nach einer Weile behauptete die Frau mit dem Kleinkind, sie müsse kurz auf die Toilette, und forderte die andere Frau unter Nennung des Kindernamens auf, kurz auf das Kind acht zu geben. Das Kind wurde auf den Schoß der Frau platziert und fing nach kurzer Abwesenheit der Mutter an zu quengeln. Je nachdem, ob die Frauen glaubten, das Kind sei ein Mädchen oder Junge, fielen die Lösungsstrategien anders aus. Jungen wurden eher auf den Boden gesetzt und zum gemeinsamen Spielen animiert, Mädchen wurden eher auf dem Schoß belassen und verbal dazu aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Es ging also bei Jungen eher darum, eine schwierige Situation durch Eigenaktivität zu meistern, und bei Mädchen eher darum, eine schwierige Situation durch emotionale Selbstkontrolle zu meistern. Die Frauen waren sich nicht bewusst, dass sie derartige geschlechtsspezifische Unterschiede machen.
Erwachsene bilden sich leicht ein, sie wüssten, was sie tun. Tatsächlich wissen sie in wesentlichen Lebensbereichen nicht, was sie tun. Das, worauf Erwachsene die Aufmerksamkeit von Kindern lenken, ist von ideologischen Wertungen geprägt. Das, worauf Kinder ihre Aufmerksamkeit lenken, ist von deren Bedürfnissen geprägt.
Zwischen einem Spielen, das von Erwachsenen angeregt und moderiert wird, und einem Spielen, das Kinder von sich aus tun, klafft eine Lücke, die nicht verdeckt werden sollte. Frühpädagogische Ansprüche schränken die Möglichkeiten für Kinder ein, autonom spielen zu können. Angesichts bestehender Umweltbedingungen nehmen solche Ansprüche den Kindern schlichtweg Zeit und Gelegenheit zu eigenständigem Spiel. Es sieht dann nur noch so aus, als ob die Kinder spielten, wobei die meisten Erwachsenen weder den Unterschied zum wirklichen Kinderspiel noch die ideologische Beschränktheit ihrer Einflussnahmen wahrzunehmen vermögen. Es wäre darüber nachzudenken, welche Folgen es für eine Gesellschaft und ihre Individuen hat, den Kindern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene die Möglichkeit zum Spielen zu nehmen und ihr Speilen in ein "Scheinspielen" zu überführen. Dies ist eine kulturhistorisch neuartige Sache mit gewiss nicht unbedeutenden Konsequenzen. Ansatzpunkte für ein Nachdenken darüber finden sich in der Erziehung von Kindern gehobener Gesellschaftsschichten in der Vergangenheit. Was ist dabei weshalb und wozu mit den Kindern und mit der internen Organisation der betreffenden Gesellschaftsschicht geschehen?
Die inhaltliche Beschränktheit erwachsener Aufmerksamkeits-Lenkung möchte ich noch an einem letzten Beispiel deutlich machen:
Ein 5-jähriges Mädchen verschwendete - meiner Ansicht nach - seine Zeit durch stundenlanges Gameboy-Spiel. Im Spiel musste eine Figur möglichst schnell irgendwelche Hindernisse überwinden. Ich stellte dem Mädchen eine dumme Frage: "Was ist das?" und deutete auf eines der Hindernisse. Das Mädchen antwortete: "Angst". Da begriff ich, dass das Mädchen den Gameboy als Angsüberwindungstrainingsmaschine benutzte. Was das Mädchen lange wusste, fand ein Jahrzehnt später auch "die Wissenschaft" heraus: "Computerspiele können zur Behandlung von Menschen mit Phobien eingesetzt werden, z.B. hilft Unreal Tournament bei Klaustrophobie" (Ärzte Zeitung, 23.10.2003). Das einzelne Kind entscheidet auf einer Basis sozusagen organismischer Weisheit, wann es was erlernt und sich mit welchem Thema auseinander setzt. Deshalb sollte es diesbezüglich viele Angebote geben, aber nicht Lenkung.
Siehe auch
Beobachtungsbögen
Im Rahmen des frühpädagogischen Bildungsanspruches werden in Kindergärten sog. Beobachtungsbögen pro Kind erstellt. Mit Genehmigung der Erziehiehungsberechtigten landen diese Beobachtungsbögen in Schulen, Jugendämtern und anderen Institutionen.
In den Beobachtungsbögen wird z.B. festgehalten, wie es um die Bewegungsfähigkeit, Sprachkompetenz und Fantasie eines Kindes steht, wie seine Persönlichkeitsentwicklung eingeschätzt wird und in welchen Bereichen es einer Förderung bedarf.
Was bedeutet es für eine zwischenmenschliche Beziehung, wenn ein Mensch den anderen "beobachtet"? Als Annäherungshilfen: Weshalb spricht man z.B. bei einem Besuch in einer Kunstausstellung nicht davon, dass die Kunstwerke "beobachtet" werden, sondern eher davon, dass die Kunstwerke "wahrgenommen" werden? Was passiert in einem Gespräch zweier Menschen, wenn der eine unmittelbar auf die Äußerungen des anderen reagiert, während der andere sich in einem Beobachtungsmodus befindet und strategisch überlegt, was er sagt?
Wie würden es Erwachsene empfinden, wenn Arbeit"geber" über sie ähnliche Beobachtungsbögen führten? Welches sind die genauen Kriterien, aufgrund derer hier mit unterschiedlichem Maß gemessen wird?
Wenn ich jemandem von einem Auto berichte, dann erzähle ich nicht, dass dieses Auto vier Räder hat. Ich berichte von den Abweichungen: "Das Auto hat drei Räder." Das Normale ist nicht erwähnenswert, die Abweichung ist es. Beobachtungsbögen auszufüllen, lenkt die Aufmerksamkeit der Ausfüllenden auf Differenzen des "Normalen" vom "Unnormalen". Beobachtungsbögen führen unterschwellig zu einer detaillierteren Festlegung dessen, was als "normal" gilt. In der Folge sind kleinstufigere Sachverhalte erforderlich, um Abweichungen vom "Normalen" zu bemerken (eigentlich: zu konstruieren). Ein Kind muss heute weniger tun oder lassen als vor einem Jahrzehnt, um als "unnormal" zu gelten. Die Schwelle, von der an Abweichungen als kontrollbedürftig angesehen werden, sinkt. Was bedeutet das sozial und individuell?
Siehe auch
- Kindergaudi-Forum: Bildungsplan für Kindergärten BadenWürttemberg (April 2006)
- Beispiel für einen Beobachtungsbogen (15. März 2004)
Caritasverband für die Diözese Münster e.V.
Das Besondere: der Beobachtungsbogen enthält auch einen Abschnitt für die Selbstbeobachtung der Person, die den Beobachtungsbogen ausfüllt.
Siehe auch
- Bayerischer Rundfunk: Lernen schon im Kindergarten (2004)
- Bildungsministerium Baden-Württemberg: Orientierungsplan für Kindergärten - Pilotphase (2006)
- Wikipedia: Frühpädagogik
- Wikipedia: Antipädagogik
- Bildung plus: Interview mit einem Lehrer an einer Schulde, auf der Kinder frei lernen dürfen
- Online-Handbuch "Kinderpädagogik"
- Mittelweg

