´Der´ Markt herrscht und richtet (hin)

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Von Dr. Angela Vogel, Geschäftsführerin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende von abeKra, Verband arbeits- und berufsbedingt Erkrankter e.V.

Erstveröffentlichung in: Crash - Arbeitsunfall- und Berufskrankheiten Report Nr. 16, 6. Jahrgang, 1/2006, S. 1


Börsennotierte Konzerne vertilgen derzeit eine Klinik der öffentlichen Hand nach der anderen. 2004/2005 schluckte die Asklepios GmbH den Landesbetrieb Krankenhäuser Hamburg (mit einem 40%-igen Marktanteil in Hamburg), erwarb das Rhön-Konsortium KKHen in Gifhorn, Hildesheim, Wittingen und Salzgitter und – jüngst – die Universitätskliniken Gießen-Marburg. Die Sana-Kliniken verleibten sich das 450 Betten-KKH in Hof und der Fresenius Multi 2005 die Helios-Gruppe mit 24 Kliniken ein. Helios hatte schon das Universitätsklinikum in Wuppertal geschluckt und war bis dato der drittstärkste Konzern der börsennotierten Gesundheitskonzerne mit einem Gesamterlös 2004 von 1,16 Milliarden € (2003: 0,91 Milliarden €). Die Asklepios-Gruppe betrieb 2005 bereits 85 Kliniken, setzte 1,8 Milliarden € um und ließ sich in der Ranking-Liste der Firma Euler Hermes-Rating als "gut" abfeiern (Deutsches Ärzteblatt, H 3 und 4, 2005, A151 und A182/B-149/C-144). Gleichzeitig kaufen ´die Großen´ Medizintechnik- und produktbetriebe auf. Erst jüngst übernahm Fresenius das Medizintechnikunternehmen Clinico, ein Produzent von Zubehör für Infusionstherapien und künstliche Ernährung.

Doch wer steckt dahinter und was bedeutet das für uns, die Versicherten der GUV, der GKV und PKV?

In jedem Fall nichts Gutes, denn: Hauptanteilseigner von Fresenius ist z.B. die Allianz Versicherung und damit die Dresdner Bank. Die Rhön-Kliniken werden seit Mai 2005 von deren neuem Vorstandsvorsitzenden, Pföhler, CDU-Mitglied und langjähriger Privatisierunglobbyist auch in seiner Funktion als Doppelpräsident der Deutschen und der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft, geführt, und Prof. Karl Lauterbach, Bundestagsabgeordneter, vertritt im Rhön-Aufsichtsrat die Interessen der Anteilseigner, also vor allem des Bertelsmann-Konzerns. Dessen Stiftung hat im Wesentlichen die Konzepte für die Privatisierung des bundesdeutschen Gesundheitswesen erarbeitet und politisch durchgesetzt. Die Asklepios-Gruppe ist ein amerikanischer Konzern, dessen Gelder ursprünglich aus Europa stammten. Ein Rechtsanwalt aus dem Taunus verleiht diesem Konzern das Gesicht – wer dahinter steckt, ist nur Insidern bekannt. Auch hier dürften es aber Versicherer und deren Anteilseigner sein, vor allem Banken, die im gegenwärtigen Kampf um die Einstufungshöhe der Fallpauschalen – sie differieren von Klinik zu Klinik – auf Millionennachzahlungen seitens der GKV setzen. Das sind die Gelder, die gegenwärtig in Wahrheit die Ausgaben in der GKV so massiv in die Höhe treiben (und sehr viel weniger die Arzneimittelausgaben).

Die Versicherungen können über ihre Krankenhäuser und Medizinproduktunternehmen immer stärker die Art (Verwertung und Verwertungsgeschwindigkeit der Technik der eigenen Konzerntöchter) und Kosten der bei ihnen versicherten Therapien (Krank- und Gesundschreibungen/Entscheidung darüber, ob Leistungen versichert sind oder nicht usw.) bestimmen. Über unser gesetzliches Gesundheitsversicherungssystem erhalten sie ferner die Garantie steten Zuflusses an Kunden, Geld und hohen Profitraten. Mit der Losung "Wachstum ohne Gewinn ist tödlich" brachte es K. Hekking, Konzernchef der SRH-Gruppe, auf den zentralen Punkt. Die Patientenchipkarte spielt dabei eine große Rolle. Sie ist für die Konzerne das Rationalisierungs- und Kontrollinstrument der Zukunft. Wir PatientInnen werden nicht nur als PatientInnen völlig durchsichtig, sondern vor allem als Leistungen verbrauchende Versicherte. Aber auch die Leistung gewährenden, Befunde ausstellenden, gutachtenden und/oder forschenden ÄrztInnen und ApothekerInnen werden in Sekundenschnelle kontrollierbar und damit quasi zu Freiwild. – Chipkartennutzer müssen die daraus erwachsenden, tiefgreifenden Konsequenzen bedenken. Mit der Chipkarte in der Hand können Sie nichts mehr kontrollieren - Sie werden kontrolliert – und es besteht zunehmend die sehr reale Gefahr für uns alle, als zu teuer vom Markt des Lebens gefegt zu werden.

´Der´ Markt herrscht und richtet (hin).

Dr. Angela Vogel


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