Hilfe, Mayday 2007!
Ein Dialog mit dem Hamburger Mayday-Aufruf 2007.
Superheroes of the world unite and take over
Für Leute, die zu blöd für Englisch sind: das heißt “SuperheldInnen der Welt vereinigt euch und …” – das weiß ich nun nicht sicher – “übernehmt” vielleicht?
Wenn uns jemand fragen würde,
Ja, wer fragt euch denn? Ihr euch selbst? Wer seid Ihr?
was die erste Euromayday-Parade in Hamburg für uns bedeutet hat, dann würden wir so antworten: Auf der Parade am 1. Mai 2005 haben wir unsere Vereinzelung und scheinbare Ohnmacht hinter uns gelassen
Habe ich gemerkt. Meine Lebenssituation hat sich seit dem 1. Mai 2005 deutlich verbessert. So ordentlich bunte Umzüge mit Gebrüll, das bringt’s voll! – finden ja auch die Fußballfans. Brot und Spiele eben …, da wirkt die reale Ohnmacht nur noch scheinbar.
und das Schweigen über prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse durchbrochen.
Schön für euch, dass ihr das Schweigen endlich durchbrochen habt! Andere reden ja seit Jahrtausenden so gut wie täglich darüber, woher die Lebensmittel für demnächst herkommen sollen.
Weniger als zwei Jahre später hat sich diese Situation zumindest vordergründig deutlich geändert.
… muss an Euren Superkräften liegen, das. Danke!
Spätestens seit der Studie „Gesellschaft im Reformprozess”, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, werden prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. „Generation Praktikum” und „abgehängtes Prekariat” sind in aller Munde.
Linksfraktionelle Schlagworte mit kommerziellen Schlagworten auf demselben Löffel zu sich genommen, ergibt ein volles Allermündchen.
Selbst das Hamburger Abendblatt berichtet über Dumpinglöhne in Luxushotels.
… muss an Euren Superkräften liegen, das. Danke!
Zugleich bringt die aufgeregte Debatte um die „neue Unterschicht” andere Formen des Schweigens hervor.
Konntet Ihr da nichts machen?
Anstatt neue Perspektiven zu entwickeln und das Gemeinsame von Praktikanten und Erwerblosen, von freelancerinnen und Putzfrauen zur Sprache zu bringen, werden bestehende Fragmentierungen wiederholt.
Oh, ja. This is absolutely true …
Zugleich verschwinden hinter dem Bild der passiven und fürsorgebedürftigen Unterschicht alltägliche Widerstände und Konflikte.
Verschwundene Konflikte?! Passiv?! Dabei betrügen wir doch an allen Kanten und Ecken das Sozialsystem, vergewaltigen Kinder, essen ungesund, sind illegal und drogensüchtig …!
Oder um es anders zu formulieren: Die in den Massenmedien geführte Debatte ist wie ein Spidermum-Comic in dem nur Petra Parker vorkommt.
Wer ist Petra Parker? Muss man die kennen? … hat natürlich nichts mit Fragmentierung zu tun …
Ohne Zweifel: Das Gefühl der Ohnmacht und Angst vor der Zukunft gehören zur Prekarität wie die Schüchternheit zu Petra Parker.
Wer ist Petra Parker? Muss man die kennen? … hat natürlich nichts mit Fragmentierung zu tun …
Aber dies ist nur eine Seite unserer Geschichte. Wir haben gelernt, mit der Prekarität umzugehen. Wir haben jeder und jede für sich Superheldenkräfte entwickelt, die uns in der Stadt der Millionäre das alltägliche Überleben ermöglichen.
Schön für euch! Manch andere landen ja in der Psychiatrie, unter der Brücke, am Strick, in Abschiebehaft …
Jetzt ist es an der Zeit, aus dem Verborgenen zu treten. Lasst uns den angeblichen Experten in den Medien und Parteien zeigen, wer wir wirklich sind.
Gute Idee! Ich würde nämlich gern wissen, wer Ihr seid. Einblicke in geschlossene Gesellschaften sind nämlich immer recht interessant.
Packt eure Superheldenkostüme ein und kommt zur Euromayday-Parade!
Ah, damit bin jetzt wohl ich gemeint. Vom “Wir” zum “Uns” zum “Euch” – so geht der Text. Ich soll mich Euch anschließen, gell?
P.S. Falls euer Kostüm gerade in der Reinigung ist: Es werden welche vor Ort zu bekommen sein.
Fein! Da fällt die Anpassung an Euch doch gleich leichter!
MIR REICHT’S! Kommt näher Freundinnen und Freunde
Ah, damit bin jetzt wohl ich gemeint. Wenn ich mir brav eins von Euren Kostümen überziehe, darf ich dann Eure Freundin sein?
007 soll im Zeichen von uns selbst stehen. Als Helden unseres Lebens treten wir kaum in Erscheinung.
Stimmt! – Ganz besonders für Frauen, denn die treten noch nichtmal sprachlich in Erscheinung.
Die Arbeitslosigkeit, ein absonderliches Phänomen? Der Erwerbslose, das unbekannte Wesen? Wer sind wir? Unfreiwillige Helden? Gescheiterte Existenzen? Menschen, Schicksale, Aktenzeichen - eingezwängt als die Arbeitslosen?
Sehr absonderlich. Weiß Allermunde nicht, dass Erwerbslosigkeit nicht Arbeitslosigkeit, sondern viel Arbeit für kein Geld, ist?
Was bin ich?
Jetzt wird’s individuell!
Ich bin beleidigt, gedemütigt und zornig. Ich schlage die Zeitung auf, sie schreiben über mich.
Whow! Über mich hat noch niemand geschrieben!
Ich gehe zum Amt, sie verfügen über mich. Sie sprechen über mich, als wäre ich nicht da. Sie schreiben über mich, als wäre ich ein Ding.
Genau! Genau! So ist es bei mir auch!
Ich bin kein abgehängtes Prekariat – schnell als Unterschicht einverleibt und vergessen.
Huups! Ich dachte, das eben war individuell gemeint … Ich = oder ≠ Prekariat: das ist hier die Frage? Der Massenmensch? Den kenn’ ich von “Du bist Deutschland”. Sein Ich geht in der Masse auf, drum setzt er sich ‘ne bunte Mütze auf! – oder zieht sich eben Superheldenkostüme an.
Erwerbslosigkeit ist gewollt und sät Zwietracht. Es gibt ein krasses (Nicht-)Verhältnis zur Arbeitslosigkeit. Es gibt die Erwerbslosen. Es gibt die Beschäftigten, die sich von 1-Euro-Jobs und Arbeitslosen bedroht fühlen. Es gibt die Leute, die von der Arbeitslosigkeit anderer leben. Konzeptionell basiert es auf der Furcht vor sozialem Abstieg und gesellschaftlicher Ächtung. Eine Psychologie der Angst und Ausgrenzung. Mit ALG II als bedingte Minimalversorgung werden Arbeitslose verfügbar gemacht. Wiedereingliederungsvereinbarungen und 1-Euro-Jobs als entrechtete Arbeitsverhältnisse erzwingen Willfährigkeit und sind oft mit Nötigung verbunden. ARGE und HAB setzen das durch und GRONE, B&B u.a. machen ihren Schnitt. Meist steht kein reales Arbeitsangebot dem Zwang zur Arbeitsaufnahme gegenüber.
Brilliante Analyse, das! Wär’ ich kaum von selbst drauf gekommen. Danke für die Belehrung! (Nur, das Englische hättet Ihr aber wirklich auch übersetzen sollen …)
Mir reicht’s – nicht beim Amt um das zu betteln was uns zusteht.
Du bettelst auch für mich? Das ist aber nett von dir. Meine Kontonummer ist: …
Wir brauchen vernünftige Arbeitsverhältnisse mit einem Mindestlohn und mehr.
Nö, also ich brauch’ kein Arbeitsverhältnis. Hab’ so schon genug zu tun. Der Mindestlohn würde mir für’s Erste genügen.
Wir brauchen keine 1 Euro-Jobs. Wir brauchen ein bedingungsloses Grundeinkommen als Maßnahme gegen die Altersarmut statt ALG II, welches selbst Altersarmut hervorruft.
Also, ich brauche das Grundeinkommen nicht wegen Morgen, sondern jeweils immer für Heute. Auch, wenn ich im Alter ein Grundeinkommen kriege, brauche ich heute keine Maßnahme gegen Altersarmut. Die Idee, für das Grundeinkommen als Maßnahme gegen Altersarmut zu argumentieren, hatte vielleicht jemand mit Heute ausreichend Moneten?
Es haben zu lange andere über die Arbeitslosigkeit geredet.
Jedenfalls wird die Sache interessanter, wenn jetzt auch mal andere andere über Arbeitslosigkeit reden. Solche mit hübschen Kostümen zumal, wenn sie auch den Unterschied zur Erwerbslosigkeit nicht kennen.
Jetzt sprechen wir selbst von uns.
Macht Ihr das nicht schon immer? Seit Prekarität Euch selber trifft, sprecht Ihr eben auch von Eurer Prekarität. Und Ihr sprecht dabei noch immer nur von Euch selber, was man an Euren Texten merkt und daran, dass Euch Prekarität als neue Sache erscheint.
Also raus in den 1.Mai mit Transparent und als Superheld kostümiert. Oder einfach Spaß haben auf der EuroMayday-Parade. Ja, Spaß dabei sich zu wehren.
… mit bunter Mütze, Brot und Spielen und vollem Allermund … Den Spaß gönnt Euch bestimmt auch das Kapital.
Geniert euch nicht.
Ich mich nicht, da kannst DuIhrGroßesUns sicher sein, denn ich werd’ mir keine von DeinenEuren prekär in Vietnam oder China gefertigten und daher hier so reichlich vorhandenen, preiswerten Superheldenstoffen überstreifen, um MirEuchUns selber Widerständigkeit vorzugaukeln, die doch nichts anderes ist als ohnmächtige, selbstbezogene Scheinbarkeit.
Wir warten schon zu lange mit dem, was wir zu sagen haben.
Ich warte lieber nicht auf das, was Ihr zu sagen habt.
Vom Euromayday nach Heiligendamm!
Die Debatte um Prekarisierung versucht Verbindungslinien zwischen den unterschiedlichen Facetten der Transformation der Arbeit zu ziehen.
Netter Versuch. – Auch netter Versuch von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten, sich diesem Popanz anzudienen.
Der Euromayday soll einen Ort schaffen, wo illegalisierte Reinigungskräfte, PraktikantInnen, Projektarbeitende und 1-Euro JobberInnen in Kommunikation treten können.
Miteinander reden wäre vielleicht auch schon ganz gut. Naja, vielleicht klappt’s ja nächstes Jahr mit einem noch bunterem Mayday-Aufruf-Flugblatt und noch heldigeren Kostümen für Schlanke.
Der Austausch von alltäglichen Widerstandsformen und ein symbolisches Aufbegehren gegen die Zumutungen des Kapitalismus steht im Zentrum der Mobilisierung zur Parade. Denn Prekarisierung untergräbt zunehmend die klassischen Formen von Protest und Streik.
Aufgepasst! Jetzt geht’s ins Geistige! Da die klassischen Formen von Protest und Streik untergraben sind, machen wir eben symbolischen Widerstand und tauschen uns mit uns selber aus in Englisch und Subkulturisch.
Die Subjektivierung der Arbeit bringt eine Übertragung der Arbeitskontrolle auf jede/n Einzelne/n mit sich.
Wer mal praktisch erleben will, wie die Übertragung der Arbeitskontrolle auf den/die Einzelne funktioniert, verrichte einen Tag Fließbandarbeit. Die Maschinerie subjektiviert sich dabei zu Sehne, Muskel und Knochen deiner persönlichen Glieder, und du brauchst die totale emotionale Selbstkontrolle, um das durchzuhalten. Vielleicht fällt dir dadurch auf, dass es auch bei nichtfabrikmäßiger Arbeit um die Forsetzung eines dem Kapitalismus eigenen Trends geht, Subjekte zu entsubjektivieren und zu mechanisieren bis in die letzte Lebensfaser – weshalb wohl die Subjekte immer mehr dazu neigen, sich symbolisch Subjektivität in Form pseudoindividueller Selbstkostümierung überzustreifen.
Wie sollen moderne Tagelöhner gegen die eigene Ich-AG oder den Putz- oder Callcenter-Job streiken?
Gute Frage! Antwortet mal oder versucht es wenigstens oder fragt wenigstens mal Putz- oder Callcenter-Tagelöhnerinnen, bevor Ihr Mayday-Aufruf-Flugblätter verfasst.
Das Erleben von Kollektivität und Solidarität war eine wichtige Grundlage der Entstehung der Arbeiter-Innenbewegung. Häufig wechselnde Arbeitsplätze und eine Selbstunterwerfung unter den Individualismus erschweren dies heute.
Gewisse arrogante Verwechslungen von Indiviualismus mit Anpassungsleistungen an Sidestream-Peergroups erschweren das vielleicht auch?
Deshalb ist die Suche nach Widerstandsformen immer die Suche nach Kollektivität und symbolischer Gemeinsamkeit.
Wenn keine Gemeinsamkeit in Sicht ist: Müssten da nicht die nach Gemeinsamkeit strebenden Komponenten irgendwie Ausschau halten? Könnte es sein, dass prekarisierte “Kulturschaffende” oder “WissensarbeiterInnen” mit Englisch- und Comic-Kenntnissen, die authistisch Symboliken für eine nicht vorhandene Gemeinsamkeit produzieren, eher den Blick verstellen?
Der Mayday kann ein solches Symbol sein, da er eine Tradition ArbeiterInnenbewegung aufgreift und neue Impulse aufnimmt.
Der Mayday könnte vielleicht ein solches Symbol werden, wenn er Traditionen der ArbeiterInnenbewegung aufgriffe und in Impulse verwandelte, anstatt schichtspezifische Impulse in die Luft zu pupsen und hinterher zu behaupten, sie hätten etwas mit der ArbeiterInnenbewegung zu tun.
Die Überflüssigen und Superhelden repräsentieren diese Verweigerung gegen den Unterwerfungsimperativ des Arbeitslebens, der Konkurrenz und der Ellenbogengesellschaft.
Sag ich ja die ganze Zeit: Repräsentanzpolitiken! Von den Überflüssigen glaube ich, dass sie keinen Repräsentanzanspruch haben.
Die Dominanz dieser ideologischen Begleitmusik des Kapitalismus erscheint übermächtig. Die scheinbare Alternativlosigkeit dieses Systems soll über Inszenierungen wie den G8-Gipfel zementiert werden. Er steht als globales Symbol für den Zustand dieser ramponierten Welt.
Gewisse Mayday-Aufruf-Flugblätter vielleicht auch?
Der im Juni stattfindende Gipfel kann jedoch auch zum Kristallisationspunkt einer neuen kollektiven Widerständigkeit werden. Superhelden und KernkraftgegnerInnen, Autonome und GewerkschafterInnen können gemeinsam debattieren und blockieren. Die Proteste der „Bewegung der Bewegungen” bilden eine Collage der Kämpfe dieser Zeit. Jede und jeder von euch kann einen Teil dazu beitragen.
Das ist aber nett vom G8-Gipfel: den ganzen herumfliegenden Teilchen einen Rahmen zu geben, damit der Eindruck einer Collage entsteht!