Bald mehr als nur zwei Geschlechtskategorien im Sport?

Das Olympische Komitee Asiens (OCA) sprach einer Läuferin, die bei den diesjährigen 15. Asiatischen Spielen Silber im 800m-Lauf gewann, die Medaille ab. Die Läuferin, Santhi Soundarajan (25 Jahre alt), hatte sich nach den Spielen einem Geschlechtstest unterzogen. Dabei kam heraus, dass sie angeblich “abnormale Chromosomen” hat (vermutlich eine XXY-Kombination) und daher nicht bei den Frauen hätte mitlaufen dürfen. Bei den Männern allerdings kann Soundarajan, die ansonsten eine Frau ist, ebenfalls nicht mitmachen.

Andrea C. Busch schreibt über den Geschlechtstest im Sport:

Die Generation erfolgreicher Sportlerinnen, die Anfang der [19]60er Jahre auf den Plan trat, zeigte, daß sie genauso professionell sein konnte wie die Männer. Die „Mädels“, wie sie von Funktinären und Sportreportern heute oft noch genannt werden, wurden aber nicht gefeiert, wie sie es verdient gehabt hätten. Wer so gut im Sport ist, kann doch keine richtige Frau sein, oder?
Flugs dachten sich die Funktionäre eine besonders üble Schikane aus: den Geschlechtstest. Die Athletinnen mußten nun beweisen, daß sie tatsächlich Frauen waren. 1966 bei den Leichtathletik-Europameisterschaften mußten 243 Wettkämpferinnen praktisch nackt vor einer Kommission - männlicher - Ärzte vorbeidefilieren, und im gleichen Jahr bei den Commonwealthspielen zwang man sie, ihre äußeren Geschlechtsteile einem Gynäkologen zu zeigen. Diese Art der Untersuchung wurde auch bei anderen Wettkämpfen eingeführt. Nachdem die Empörung unter den Athletinnen immer größer wurde, ging das Internationale Olympische Komitee zu wissenschaftlich heftig umstrittenen Chromosomen und Polymerase-Kettenreaktionstests über. Dazu mußte man den Frauen „nur“ im Mund herumschaben oder ihnen Haare ausreißen. Diese Tests haben bereits die sportliche Karriere etlicher Athletinnen auf traumatische Weise beendet, aber kaum eine wagte, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Der Geschlechtstest an Sportlerinnen behinhaltet heute gynäkologische, psychologische und endokrinologische Untersuchungen. Das ist angemessen, denn es gibt viele Möglichkeiten der Abweichung von den als “normal” geltenden Mann-Frau-Extremen. In einem Dorf der Anden, Amarete, weiß man das schon lange. Dort gibt es zehn Geschlechter.

Doch andernorts sind nur zwei Geschlechter erlaubt. Um die angebliche Normalität der Zweigeschlechtlichkeit herzustellen, werden weltweit Neugeborene “medizinischen” Behandlungen unterworfen.

Birgit-Michel Reiter von der AG gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG) schrieb 1998 darüber:

Je nach Abweichung vom ärztlicherseits definierten Geschlecht werden Hormone verabreicht, chirurgisch ein Penis vergrößert, Hodenimplantate eingesetzt oder eine Klitoris verkleinert, neue Vaginen konstruiert, Gonaden (Eierstöcke, Hoden) entfernt oder Venuslippen (auch: Schamlippen, Labien) wegoperiert. Es können dutzende gynäkologische Untersuchungen folgen, in deren Rahmen Körpergröße, Phänotyp, Gewicht, Regelmäßigkeit der Hormoneinnahmen kontrolliert und fotografische Abbildungen von Genitalregionen erstellt werden.

Die Frage, welches Geschlecht ein Mensch besitzt, wird wichtig, wenn sich jemand auf biologische Weise fortpflanzen will, also ein paar Mal im Leben und manchmal nie. Aber da es nun wirklich umständlich wäre, sportliche Wettkämpfe in allen möglichen - vielleicht gar mehr als zehn - Geschlechtskategorien auszurichten, ist es sicherlich angemessen, damit weiter zu machen, sich selbst und andere ein Leben lang auf “männlich” und “weiblich” zu trimmen, Kinder zu quälen und noch die Gänseblümchen auf der Wiese unter dieses Schema zu zerren.

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