Cloverfield

17. August 2008

Bisher unternahmen noch die billigsten Monster-Movies den Versuch, die Herkunft ihrer jeweiligen Monster irgendwie zu erklären und diese Erklärung in eine das Filmgeschehen antreibende Story einzuweben. „Cloverfield“ verzichtet weitgehend auf Schnickschnack wie Erklärungen und Stories. Der Film konzentriert sich auf den Hauptzweck des Genres: die Erzeugung kompensatorischer Schrecken.

Besonders bei jüngerem und/oder männlichem Publikum mag das gelingen. Was die intellektuelle Beanspruchung betrifft, bleibt „Cloverfield“ zwar weit hinter einem Kasperletheaterstück zurück, macht dies aber wett durch seinen digital erzeugten Pseudorealismus in Kombination mit dem formalistischen Element einer Kameraführung in Ego-Shooter-Manier.

Das Obermonster in „Cloverfield“ – die Physiognomie unbelastet von biologischen Kenntnissen gestaltet, weil ja eine Software vorhanden ist, die Muskelbewegungen passend zur Gestalt berechnet – taucht aus dem Nichts auf und wütet durch Manhatten wie ein Kleinkind in der Omnipotenzphase, wobei es frisst, was ihm an Weichem vor das Maul kommt. Die Menschen reagieren panisch, flüchten, zeigen Mut – je nach Sozialstatus aus romantisierten zwischenmenschlichen Bindungen heraus oder aus pathetisch-verklärter Bereitschaft zur Pflichterfüllung.

Der Hype um „Cloverfield“ legt Zeugnis ab für den Zustand der Mainstream-USA, vielleicht den des westlich-kapitalistischen Mainstreams überhaupt. Das wohl treffendste Bild dafür liefert der Film aus Versehen, dabei nicht zufällig als Abklatsch weitsichtigerer Werke: in Form der Freiheitsstatue mit abgeschlagenem Kopf. Glücklicherweise lassen Filme wie Children of Men die Hoffnung als realistisch erscheinen, ein nächster SciFi werde den Kopf schon wieder aufsetzen.

(Plakat von Die Klapperschlange: Blog blondeheroine: Ever Noticed Filmmakers Obsession with Miss Liberty?)

Die Kasseler Erklärung – nochmal durchgelesen

22. Januar 2008

Zum Jahreswechsel 2007/08 hat sich das Netzwerk Linke Opposition (NLO) gespalten. Das NLO entstand im Mai 2006 (siehe Wikipedia) und gründet sich auf die Kasseler Erklärung vom Mai 2006.

Wir

Das “wir” der Kasseler Erklärung stellt sich, von oben nach unten, als Folgendes dar:

  • “Konferenzteilnehmer”
  • Kernzelle einer “neuen Art von Partei”, um die herum Kräfte “zusammenwachsen”
  • Gruppe mit einem spezifischen Politikverständnis (”Politik verstehen wir in erster Linie als unmittelbare Aktivität in Betrieben …”)
  • Gruppe, die mal die Regierung übernehmen könnte (”Regierungsübernahmen kommen für uns nur in Frage…”)
  • Gruppe, die andere “einbeziehen” will
  • über “die Menschen” Bescheid Wissende (”Die Menschen beurteilen …”)
  • Mitglieder von Arbeitsgruppen

Dieses “wir” , es verurteilt — will mit einem Anspruch ernst machen — versteht Begriffe so und so — schließt aus — verfügt über — muss möglicherweise keine Kompromisse eingehen — will — sieht keinen Anlass — will — kritisiert — will. Am Ende zeigen sich Ansätze praktischer Aktivität: das “wir” unterstützt und beauftragt.
So funktioniert im Prinzip ein bürgerliches Subjekt: hier bin ich (das Kollektiv) und da ist die Realität – da gehen wir mal mit um.

Netzwerk

Das Netzwerk der Kasseler Erklärung

  • ist “eine öffentlich sichtbare Vernetzung des Widerstands in WASG und L.PDS”, das “die Gründungsziele der WASG” “verteidigen und stärken” soll
  • soll “alle einbeziehen, die diesen Parteien noch nicht oder nicht mehr angehören”
  • “engagiert sich für eine Vereinigung der Linken auf antineoliberaler Grundlage”
  • ist ein “parteiübergreifende(s) Netzwerk() aller an der linken antineoliberalen Neuformierung interessierten Menschen”

Es ist kein antikapitalistisches Netzwerk. Einen Antikapitalismus kann man erst der Partei zuschreiben, die sich aus dem Netzwerk bilden soll (siehe unten).
Da sich das Netzwerk für eine “Vereinigung der Linken” “engagiert”, ist es nicht selbst diese Vereinigung.
Die Formulierungen der Kasseler Erklärung lassen zwei Deutungen zu:
a) Netzwerk –> Vereinigung/Neuformierung –> Partei
b) Netzwerk –> Vereinigung/Neuformierung = Partei.
Im letzteren Fall wäre die in der Kasseler Erklärung angestrebte Partei nicht antikapitalistisch, sondern antineoliberal – wobei antikapitalistische Kräfte mitmachen dürften.

Partei

Die Partei der Kasseler Erklärung

  • ist noch zu schaffen
  • wird “von unten nach oben aufgebaut”
  • vertritt “konsequent die Interessen der kapitallosen Mehrheit der Bevölkerung gegen den neoliberalen Angriff”, “ohne Stellvertreterpolitik zu betreiben”
  • versteht sich selbst als “breite pluralistische Sammlungsbewegung”
  • entsteht aus dem “parteiübergreifende(n) Zusammenwachsen aller linken antineoliberalen Kräfte auf einer klaren inhaltlichen Basis in engster Verbindung mit den sozialen Bewegungen in allen Teilen der Gesellschaft”
  • könnte für “Regierungsübernahmen … in Frage” kommen
  • könnte mal “über Mehrheiten verfügen”, die ihr “einen grundsätzlichen Politikwechsel” ohne “Kompromisse mit … substanziellen Inhalten” ermöglichen
  • lässt den “unterschiedlichen Auffassungen der Linken Raum” und hält “Widersprüche aus”
  • ist “vor allem Teil und Partnerin der betrieblichen Kämpfe und sozialen Bewegungen”
  • kämpft “gemeinsam mit den Menschen für deren Interessen”
  • “nutzt parlamentarische Arbeit vor allem zur Unterstützung der außerparlamentarischen Opposition”
  • kämpft nicht nur für Reformen
  • “diskutiert” “Alternativen zum kapitalistischen System”
  • “realisiert” “Alternativen zum kapitalistischen System”

Diese Parteikonzept ist ziemlich widerspruchsvoll: “Zusammenwachsen” ist ein biologisches Bild, das “Widersprüche” schlecht aushält. Die Partei soll zugleich Interessen vertreten und keine Stellvertreterpolitik betreiben. Sie soll zugleich Teil und Partnerin von etwas sein. Sie soll “die Interessen kapitalloser Menschen” – von FreiberuflerInnen, Erwerbslosen, prekär oder fest Angestellter, Hausfrauen/männer, Eingeborener, ImmigrantInnen – “konsequent” vertreten als wären diese Interessen ohne Kompromisse vereinbar.

Am wenigsten widersprüchlich ist das Parteikonzept der Kasseler Erklärung unter der Annahme, dass es sich nicht um eine antikapitalistische Partei handeln soll, dass es der Partei nur um die Bekämpfung neoliberaler Angriffe gehen soll. Dem widerspricht nicht unbedingt die Aussage, die Partei könne “Alternativen zum kapitalistischen System” realisieren. Jedenfalls könnte man das noch irgendwie hinbiegen.

Das Hauptproblem besteht wohl darin, dass in diesem Land eine Regierung nicht zu “übernehmen” geht ohne Stellvertreterpolitik. Wenn das politische System so strukturiert ist, dass eine Partei die Regierung “übernehmen” kann, dann sind entsprechende Parteistrukturen, populäre Persönlichkeiten, Informationsgefälle usw. unvermeidlich, der ganze Scheiß eben. Ist letzeres nicht unvermeidlich, so gibt es für eine Partei keine Regierung zu “übernehmen”. “Kapitallose Menschen” würden in einem solchen Fall eine Regierung selber bilden, runde Tische machen etc., ohne speziellen Bedarf an einer speziellen Wahlpartei anzumelden. Die Entscheidungen würden weniger auf der Basis von Komplettpaketen in Form von Parteiprogrammen gefällt, als auf der Basis konkreter Sachfragen. Das alles hieße nicht, dass Parteien keinen Einfluss hätten, aber es hieße, dass Parteien keine Regierung “übernehmen” würden – was auch zu hoffen wäre.

Die Partei der Kasseler Erklärung ist praktisch nicht realisierbar. Wenn das NLO dazu dienen soll, etwas praktisch nicht Realisierbares zu schaffen, ist es handlungsunfähig.

Schlussfolgerungen

Ein praxiswirksames antikapitalistisches Netzwerk hätte nicht auf die Gründung einer Wahlpartei hin zu arbeiten, die dann die Regierung “übernimmt”, sondern auf die Übernahme der Regierung hin.

Wenn sich im Sinne des Beschlusses Strukturen des Netzwerks Linke Opposition Leute als “Projekt” zusammen finden, die eine Wahlpartei machen wollen, könnte dies praktisch nützlich sein. Parlamentsarbeit ist nicht sinnlos. Sogar mehrere Wahlparteien wären innerhalb eines antikapitalischen Netzwerkes möglich. Aber es kann nicht sinnvoll sein, wenn sich das ganze Netzwerk auf eine Parteigründung hin orientiert. Denn dann kreist es, wie sich seit Gründung des NLO doch gezeigt hat, hauptsächlich um sein eigenes identitäres, alles andere als revolutionäres “wir”. Revolutionäre Subjekte kämen heraus, wenn die Begriffe, die sich Kollektive von sich selber machen, auf Weisen gebildet würden, die Karl Marx mit Begriffen im “Kapital” vorgeführt hat. Dazu passende Organisationsstrukturen entwickeln sich – hoffentlich weniger “von unten nach oben” als von unten nach nebenan – aus gesellschaftlichen Praxen heraus.

Strafanzeige wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung eines Hartz IV-Berechtigten

10. Mai 2007

Wie veranlasst man Behörden zur Zwangsuntersuchung Hartz IV-Berechtigter?

Indem man wie Armin Kammrad Strafanzeige wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung eines Hartz IV-Berechtigten erstattet. Kammrad argumentiert, der Mann sei möglicherweise auf Grund einer “organischen oder psychischen Erkrankung
oder Behinderung” nicht in der Lage gewesen, den behördlichen Forderungen nachzukommen. Das ist vielleicht gut gemeint, führt aber bei Erfolg der Anzeige dazu, dass, wer behördlichen Forderungen nicht nachkommt, zukünftig “untersucht” werden muss, damit die zuständige Behörde nicht “fahrlässig” Gelder streicht.

Hilfe, Mayday 2007!

1. Mai 2007

Ein Dialog mit dem Hamburger Mayday-Aufruf 2007.

Superheroes of the world unite and take over

Für Leute, die zu blöd für Englisch sind: das heißt “SuperheldInnen der Welt vereinigt euch und …” – das weiß ich nun nicht sicher – “übernehmt” vielleicht?

Wenn uns jemand fragen würde,

Ja, wer fragt euch denn? Ihr euch selbst? Wer seid Ihr?

was die erste Euromayday-Parade in Hamburg für uns bedeutet hat, dann würden wir so antworten: Auf der Parade am 1. Mai 2005 haben wir unsere Vereinzelung und scheinbare Ohnmacht hinter uns gelassen

Habe ich gemerkt. Meine Lebenssituation hat sich seit dem 1. Mai 2005 deutlich verbessert. So ordentlich bunte Umzüge mit Gebrüll, das bringt’s voll! – finden ja auch die Fußballfans. Brot und Spiele eben …, da wirkt die reale Ohnmacht nur noch scheinbar.

und das Schweigen über prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse durchbrochen.

Schön für euch, dass ihr das Schweigen endlich durchbrochen habt! Andere reden ja seit Jahrtausenden so gut wie täglich darüber, woher die Lebensmittel für demnächst herkommen sollen.

Weniger als zwei Jahre später hat sich diese Situation zumindest vordergründig deutlich geändert.

… muss an Euren Superkräften liegen, das. Danke!

Spätestens seit der Studie „Gesellschaft im Reformprozess”, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, werden prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. „Generation Praktikum” und „abgehängtes Prekariat” sind in aller Munde.

Linksfraktionelle Schlagworte mit kommerziellen Schlagworten auf demselben Löffel zu sich genommen, ergibt ein volles Allermündchen.

Selbst das Hamburger Abendblatt berichtet über Dumpinglöhne in Luxushotels.

… muss an Euren Superkräften liegen, das. Danke!

Zugleich bringt die aufgeregte Debatte um die „neue Unterschicht” andere Formen des Schweigens hervor.

Konntet Ihr da nichts machen?

Anstatt neue Perspektiven zu entwickeln und das Gemeinsame von Praktikanten und Erwerblosen, von freelancerinnen und Putzfrauen zur Sprache zu bringen, werden bestehende Fragmentierungen wiederholt.

Oh, ja. This is absolutely true …

Zugleich verschwinden hinter dem Bild der passiven und fürsorgebedürftigen Unterschicht alltägliche Widerstände und Konflikte.

Verschwundene Konflikte?! Passiv?! Dabei betrügen wir doch an allen Kanten und Ecken das Sozialsystem, vergewaltigen Kinder, essen ungesund, sind illegal und drogensüchtig …!

Oder um es anders zu formulieren: Die in den Massenmedien geführte Debatte ist wie ein Spidermum-Comic in dem nur Petra Parker vorkommt.

Wer ist Petra Parker? Muss man die kennen? … hat natürlich nichts mit Fragmentierung zu tun …

Ohne Zweifel: Das Gefühl der Ohnmacht und Angst vor der Zukunft gehören zur Prekarität wie die Schüchternheit zu Petra Parker.

Wer ist Petra Parker? Muss man die kennen? … hat natürlich nichts mit Fragmentierung zu tun …

Aber dies ist nur eine Seite unserer Geschichte. Wir haben gelernt, mit der Prekarität umzugehen. Wir haben jeder und jede für sich Superheldenkräfte entwickelt, die uns in der Stadt der Millionäre das alltägliche Überleben ermöglichen.

Schön für euch! Manch andere landen ja in der Psychiatrie, unter der Brücke, am Strick, in Abschiebehaft …

Jetzt ist es an der Zeit, aus dem Verborgenen zu treten. Lasst uns den angeblichen Experten in den Medien und Parteien zeigen, wer wir wirklich sind.

Gute Idee! Ich würde nämlich gern wissen, wer Ihr seid. Einblicke in geschlossene Gesellschaften sind nämlich immer recht interessant.

Packt eure Superheldenkostüme ein und kommt zur Euromayday-Parade!

Ah, damit bin jetzt wohl ich gemeint. Vom “Wir” zum “Uns” zum “Euch” – so geht der Text. Ich soll mich Euch anschließen, gell?

P.S. Falls euer Kostüm gerade in der Reinigung ist: Es werden welche vor Ort zu bekommen sein.

Fein! Da fällt die Anpassung an Euch doch gleich leichter!

MIR REICHT’S! Kommt näher Freundinnen und Freunde

Ah, damit bin jetzt wohl ich gemeint. Wenn ich mir brav eins von Euren Kostümen überziehe, darf ich dann Eure Freundin sein?

007 soll im Zeichen von uns selbst stehen. Als Helden unseres Lebens treten wir kaum in Erscheinung.

Stimmt! – Ganz besonders für Frauen, denn die treten noch nichtmal sprachlich in Erscheinung.

Die Arbeitslosigkeit, ein absonderliches Phänomen? Der Erwerbslose, das unbekannte Wesen? Wer sind wir? Unfreiwillige Helden? Gescheiterte Existenzen? Menschen, Schicksale, Aktenzeichen - eingezwängt als die Arbeitslosen?

Sehr absonderlich. Weiß Allermunde nicht, dass Erwerbslosigkeit nicht Arbeitslosigkeit, sondern viel Arbeit für kein Geld, ist?

Was bin ich?

Jetzt wird’s individuell!

Ich bin beleidigt, gedemütigt und zornig. Ich schlage die Zeitung auf, sie schreiben über mich.

Whow! Über mich hat noch niemand geschrieben!

Ich gehe zum Amt, sie verfügen über mich. Sie sprechen über mich, als wäre ich nicht da. Sie schreiben über mich, als wäre ich ein Ding.

Genau! Genau! So ist es bei mir auch!

Ich bin kein abgehängtes Prekariat – schnell als Unterschicht einverleibt und vergessen.

Huups! Ich dachte, das eben war individuell gemeint … Ich = oder ≠ Prekariat: das ist hier die Frage? Der Massenmensch? Den kenn’ ich von “Du bist Deutschland”. Sein Ich geht in der Masse auf, drum setzt er sich ‘ne bunte Mütze auf! – oder zieht sich eben Superheldenkostüme an.

Erwerbslosigkeit ist gewollt und sät Zwietracht. Es gibt ein krasses (Nicht-)Verhältnis zur Arbeitslosigkeit. Es gibt die Erwerbslosen. Es gibt die Beschäftigten, die sich von 1-Euro-Jobs und Arbeitslosen bedroht fühlen. Es gibt die Leute, die von der Arbeitslosigkeit anderer leben. Konzeptionell basiert es auf der Furcht vor sozialem Abstieg und gesellschaftlicher Ächtung. Eine Psychologie der Angst und Ausgrenzung. Mit ALG II als bedingte Minimalversorgung werden Arbeitslose verfügbar gemacht. Wiedereingliederungsvereinbarungen und 1-Euro-Jobs als entrechtete Arbeitsverhältnisse erzwingen Willfährigkeit und sind oft mit Nötigung verbunden. ARGE und HAB setzen das durch und GRONE, B&B u.a. machen ihren Schnitt. Meist steht kein reales Arbeitsangebot dem Zwang zur Arbeitsaufnahme gegenüber.

Brilliante Analyse, das! Wär’ ich kaum von selbst drauf gekommen. Danke für die Belehrung! (Nur, das Englische hättet Ihr aber wirklich auch übersetzen sollen …)

Mir reicht’s – nicht beim Amt um das zu betteln was uns zusteht.

Du bettelst auch für mich? Das ist aber nett von dir. Meine Kontonummer ist: …

Wir brauchen vernünftige Arbeitsverhältnisse mit einem Mindestlohn und mehr.

Nö, also ich brauch’ kein Arbeitsverhältnis. Hab’ so schon genug zu tun. Der Mindestlohn würde mir für’s Erste genügen.

Wir brauchen keine 1 Euro-Jobs. Wir brauchen ein bedingungsloses Grundeinkommen als Maßnahme gegen die Altersarmut statt ALG II, welches selbst Altersarmut hervorruft.

Also, ich brauche das Grundeinkommen nicht wegen Morgen, sondern jeweils immer für Heute. Auch, wenn ich im Alter ein Grundeinkommen kriege, brauche ich heute keine Maßnahme gegen Altersarmut. Die Idee, für das Grundeinkommen als Maßnahme gegen Altersarmut zu argumentieren, hatte vielleicht jemand mit Heute ausreichend Moneten?

Es haben zu lange andere über die Arbeitslosigkeit geredet.

Jedenfalls wird die Sache interessanter, wenn jetzt auch mal andere andere über Arbeitslosigkeit reden. Solche mit hübschen Kostümen zumal, wenn sie auch den Unterschied zur Erwerbslosigkeit nicht kennen.

Jetzt sprechen wir selbst von uns.

Macht Ihr das nicht schon immer? Seit Prekarität Euch selber trifft, sprecht Ihr eben auch von Eurer Prekarität. Und Ihr sprecht dabei noch immer nur von Euch selber, was man an Euren Texten merkt und daran, dass Euch Prekarität als neue Sache erscheint.

Also raus in den 1.Mai mit Transparent und als Superheld kostümiert. Oder einfach Spaß haben auf der EuroMayday-Parade. Ja, Spaß dabei sich zu wehren.

… mit bunter Mütze, Brot und Spielen und vollem Allermund … Den Spaß gönnt Euch bestimmt auch das Kapital.

Geniert euch nicht.

Ich mich nicht, da kannst DuIhrGroßesUns sicher sein, denn ich werd’ mir keine von DeinenEuren prekär in Vietnam oder China gefertigten und daher hier so reichlich vorhandenen, preiswerten Superheldenstoffen überstreifen, um MirEuchUns selber Widerständigkeit vorzugaukeln, die doch nichts anderes ist als ohnmächtige, selbstbezogene Scheinbarkeit.

Wir warten schon zu lange mit dem, was wir zu sagen haben.

Ich warte lieber nicht auf das, was Ihr zu sagen habt.

Vom Euromayday nach Heiligendamm!
Die Debatte um Prekarisierung versucht Verbindungslinien zwischen den unterschiedlichen Facetten der Transformation der Arbeit zu ziehen.

Netter Versuch. – Auch netter Versuch von Leuten, die es eigentlich besser wissen müssten, sich diesem Popanz anzudienen.

Der Euromayday soll einen Ort schaffen, wo illegalisierte Reinigungskräfte, PraktikantInnen, Projektarbeitende und 1-Euro JobberInnen in Kommunikation treten können.

Miteinander reden wäre vielleicht auch schon ganz gut. Naja, vielleicht klappt’s ja nächstes Jahr mit einem noch bunterem Mayday-Aufruf-Flugblatt und noch heldigeren Kostümen für Schlanke.

Der Austausch von alltäglichen Widerstandsformen und ein symbolisches Aufbegehren gegen die Zumutungen des Kapitalismus steht im Zentrum der Mobilisierung zur Parade. Denn Prekarisierung untergräbt zunehmend die klassischen Formen von Protest und Streik.

Aufgepasst! Jetzt geht’s ins Geistige! Da die klassischen Formen von Protest und Streik untergraben sind, machen wir eben symbolischen Widerstand und tauschen uns mit uns selber aus in Englisch und Subkulturisch.

Die Subjektivierung der Arbeit bringt eine Übertragung der Arbeitskontrolle auf jede/n Einzelne/n mit sich.

Wer mal praktisch erleben will, wie die Übertragung der Arbeitskontrolle auf den/die Einzelne funktioniert, verrichte einen Tag Fließbandarbeit. Die Maschinerie subjektiviert sich dabei zu Sehne, Muskel und Knochen deiner persönlichen Glieder, und du brauchst die totale emotionale Selbstkontrolle, um das durchzuhalten. Vielleicht fällt dir dadurch auf, dass es auch bei nichtfabrikmäßiger Arbeit um die Forsetzung eines dem Kapitalismus eigenen Trends geht, Subjekte zu entsubjektivieren und zu mechanisieren bis in die letzte Lebensfaser – weshalb wohl die Subjekte immer mehr dazu neigen, sich symbolisch Subjektivität in Form pseudoindividueller Selbstkostümierung überzustreifen.

Wie sollen moderne Tagelöhner gegen die eigene Ich-AG oder den Putz- oder Callcenter-Job streiken?

Gute Frage! Antwortet mal oder versucht es wenigstens oder fragt wenigstens mal Putz- oder Callcenter-Tagelöhnerinnen, bevor Ihr Mayday-Aufruf-Flugblätter verfasst.

Das Erleben von Kollektivität und Solidarität war eine wichtige Grundlage der Entstehung der Arbeiter-Innenbewegung. Häufig wechselnde Arbeitsplätze und eine Selbstunterwerfung unter den Individualismus erschweren dies heute.

Gewisse arrogante Verwechslungen von Indiviualismus mit Anpassungsleistungen an Sidestream-Peergroups erschweren das vielleicht auch?

Deshalb ist die Suche nach Widerstandsformen immer die Suche nach Kollektivität und symbolischer Gemeinsamkeit.

Wenn keine Gemeinsamkeit in Sicht ist: Müssten da nicht die nach Gemeinsamkeit strebenden Komponenten irgendwie Ausschau halten? Könnte es sein, dass prekarisierte “Kulturschaffende” oder “WissensarbeiterInnen” mit Englisch- und Comic-Kenntnissen, die authistisch Symboliken für eine nicht vorhandene Gemeinsamkeit produzieren, eher den Blick verstellen?

Der Mayday kann ein solches Symbol sein, da er eine Tradition ArbeiterInnenbewegung aufgreift und neue Impulse aufnimmt.

Der Mayday könnte vielleicht ein solches Symbol werden, wenn er Traditionen der ArbeiterInnenbewegung aufgriffe und in Impulse verwandelte, anstatt schichtspezifische Impulse in die Luft zu pupsen und hinterher zu behaupten, sie hätten etwas mit der ArbeiterInnenbewegung zu tun.

Die Überflüssigen und Superhelden repräsentieren diese Verweigerung gegen den Unterwerfungsimperativ des Arbeitslebens, der Konkurrenz und der Ellenbogengesellschaft.

Sag ich ja die ganze Zeit: Repräsentanzpolitiken! Von den Überflüssigen glaube ich, dass sie keinen Repräsentanzanspruch haben.

Die Dominanz dieser ideologischen Begleitmusik des Kapitalismus erscheint übermächtig. Die scheinbare Alternativlosigkeit dieses Systems soll über Inszenierungen wie den G8-Gipfel zementiert werden. Er steht als globales Symbol für den Zustand dieser ramponierten Welt.

Gewisse Mayday-Aufruf-Flugblätter vielleicht auch?

Der im Juni stattfindende Gipfel kann jedoch auch zum Kristallisationspunkt einer neuen kollektiven Widerständigkeit werden. Superhelden und KernkraftgegnerInnen, Autonome und GewerkschafterInnen können gemeinsam debattieren und blockieren. Die Proteste der „Bewegung der Bewegungen” bilden eine Collage der Kämpfe dieser Zeit. Jede und jeder von euch kann einen Teil dazu beitragen.

Das ist aber nett vom G8-Gipfel: den ganzen herumfliegenden Teilchen einen Rahmen zu geben, damit der Eindruck einer Collage entsteht!

Bald mehr als nur zwei Geschlechtskategorien im Sport?

20. Dezember 2006

Das Olympische Komitee Asiens (OCA) sprach einer Läuferin, die bei den diesjährigen 15. Asiatischen Spielen Silber im 800m-Lauf gewann, die Medaille ab. Die Läuferin, Santhi Soundarajan (25 Jahre alt), hatte sich nach den Spielen einem Geschlechtstest unterzogen. Dabei kam heraus, dass sie angeblich “abnormale Chromosomen” hat (vermutlich eine XXY-Kombination) und daher nicht bei den Frauen hätte mitlaufen dürfen. Bei den Männern allerdings kann Soundarajan, die ansonsten eine Frau ist, ebenfalls nicht mitmachen.

Andrea C. Busch schreibt über den Geschlechtstest im Sport:

Die Generation erfolgreicher Sportlerinnen, die Anfang der [19]60er Jahre auf den Plan trat, zeigte, daß sie genauso professionell sein konnte wie die Männer. Die „Mädels“, wie sie von Funktinären und Sportreportern heute oft noch genannt werden, wurden aber nicht gefeiert, wie sie es verdient gehabt hätten. Wer so gut im Sport ist, kann doch keine richtige Frau sein, oder?
Flugs dachten sich die Funktionäre eine besonders üble Schikane aus: den Geschlechtstest. Die Athletinnen mußten nun beweisen, daß sie tatsächlich Frauen waren. 1966 bei den Leichtathletik-Europameisterschaften mußten 243 Wettkämpferinnen praktisch nackt vor einer Kommission - männlicher - Ärzte vorbeidefilieren, und im gleichen Jahr bei den Commonwealthspielen zwang man sie, ihre äußeren Geschlechtsteile einem Gynäkologen zu zeigen. Diese Art der Untersuchung wurde auch bei anderen Wettkämpfen eingeführt. Nachdem die Empörung unter den Athletinnen immer größer wurde, ging das Internationale Olympische Komitee zu wissenschaftlich heftig umstrittenen Chromosomen und Polymerase-Kettenreaktionstests über. Dazu mußte man den Frauen „nur“ im Mund herumschaben oder ihnen Haare ausreißen. Diese Tests haben bereits die sportliche Karriere etlicher Athletinnen auf traumatische Weise beendet, aber kaum eine wagte, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Der Geschlechtstest an Sportlerinnen behinhaltet heute gynäkologische, psychologische und endokrinologische Untersuchungen. Das ist angemessen, denn es gibt viele Möglichkeiten der Abweichung von den als “normal” geltenden Mann-Frau-Extremen. In einem Dorf der Anden, Amarete, weiß man das schon lange. Dort gibt es zehn Geschlechter.

Doch andernorts sind nur zwei Geschlechter erlaubt. Um die angebliche Normalität der Zweigeschlechtlichkeit herzustellen, werden weltweit Neugeborene “medizinischen” Behandlungen unterworfen.

Birgit-Michel Reiter von der AG gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie (AGGPG) schrieb 1998 darüber:

Je nach Abweichung vom ärztlicherseits definierten Geschlecht werden Hormone verabreicht, chirurgisch ein Penis vergrößert, Hodenimplantate eingesetzt oder eine Klitoris verkleinert, neue Vaginen konstruiert, Gonaden (Eierstöcke, Hoden) entfernt oder Venuslippen (auch: Schamlippen, Labien) wegoperiert. Es können dutzende gynäkologische Untersuchungen folgen, in deren Rahmen Körpergröße, Phänotyp, Gewicht, Regelmäßigkeit der Hormoneinnahmen kontrolliert und fotografische Abbildungen von Genitalregionen erstellt werden.

Die Frage, welches Geschlecht ein Mensch besitzt, wird wichtig, wenn sich jemand auf biologische Weise fortpflanzen will, also ein paar Mal im Leben und manchmal nie. Aber da es nun wirklich umständlich wäre, sportliche Wettkämpfe in allen möglichen - vielleicht gar mehr als zehn - Geschlechtskategorien auszurichten, ist es sicherlich angemessen, damit weiter zu machen, sich selbst und andere ein Leben lang auf “männlich” und “weiblich” zu trimmen, Kinder zu quälen und noch die Gänseblümchen auf der Wiese unter dieses Schema zu zerren.

Siehe auch

Existenzgeld

13. Dezember 2006

In der Existenzgelddebatte gibt es einen pädagogischen Ansatz, der etwa so zusammengefasst werden kann: Einige Menschen wissen, dass Existenzgeld im Kapitalismus nicht zu machen ist. Diejenigen, die es noch nicht wissen, werden durch die Forderung nach Existenzgeld zu dieser Erkenntnis geleitet.

Existenzgeld und Arbeitsethos

Existenzgeld, heißt es, stellt den kapitalistischen Arbeitsethos in Frage. Deshalb sei die Forderung nach Existenzgeld an sich schon antikapitalistisch.

Doch schon jetzt realisiert der Kapitalismus eine Art Existenzgeld. Fast keinE BundesbürgerIn verhungert, weil sie/er nicht arbeiten will. Diese soziale Sicherheit ist auf einem niedrigen Existenzniveau bedingungslos. Sie ist Ergebnis gewerkschaftlicher Kämpfe. Mehr war nicht drin.

Vorherrschende Meinung in Europa ist noch immer: ‘'’So”’ weit darf Kapitalismus nicht gehen, dass man den Leuten auf der Straße beim Sterben zusehen muss. Die Existenzgeldforderung will zunächst bloß quantitativ mehr: ‘'’So”’ weit darf Kapitalismus nicht gehen, dass man noch nichtmal mehr in die Kneipe oder ins Kino gehen kann.

Der kapitalistische Arbeitsethos wird durch die Existenzgeldforderung nicht ‘'’erstmalig”’ in Frage gestellt, sondern weitergehend in Frage gestellt als er schon wurde und noch ist.

Implizite Lohnforderung und Gewerkschaften

Um entfremdete Arbeit trotz großzügig bemessenem Existenzgeld reizvoll zu halten, müssten die Einkommen von Erwerbstätigen so deutlich über das hinaus reichen, was sie für ein (einigermaßen gutes) Leben ausgeben, dass sie Anteile am Kapital erwerben könnten. Bei einem größzügig bemessenen Existenzgeld würden aufgrund der dazu nötigen Einkommenshöhen die Erwerbstätigen zu KapitalbesitzerInnen. Auf diese Weise könnte sich der Kapitalismus in ein Genossenschaftssystem verwandeln.

Die Forderung nach Existenzgeld enthält eine Einkommensforderung als Bedingung, die derart hoch ist, dass ihre Erfüllung den Kapitalismus sprengen würde. Das Einkommen würde sich dabei aus Existenzgeld und Lohn zusammensetzen, denn wenn alle BürgerInnen Existenzgeld bekommen, könnten die Löhne generell sinken. Es käme zur Einführung eines allgemeinen Kombilohnsystems. Nicht-StaatsbürgerInnen, die kein Existenzgeld erhalten, müssten in der BRD zu Löhnen arbeiten, von denen sie nicht leben können.

Wären Gewerkschaften in der Lage, derart hohe Individualeinkommen auch nur für Lohnabhängige mit Staatsbürgerschaft durchzusetzen, dass letztere massenhaft Kapitalbesitz erwerben könnten, bräuchte man die Existenzgeldforderung als verklausulierte antikapitalistische Forderung nicht. Gewerkschaften, die den Kapitalismus sprengende Einkommensforderungen stellen, würden direkt antikapitalistisch agieren.

Bei stärkeren (reformistischen) Gewerkschaften stünde nicht Existenzgeld, sondern die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich im Zentrum der Debatte. Die Existenzgeldforderung ist u.a. deshalb so bedeutungsvoll, weil die Gewerkschaften nicht um Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich kämpfen.

Die Bedeutung der Existenzgeldforderung in der gegenwärtigen Debatte ist das Ergebnis gewerkschaftlicher Schwäche in Kombination mit der Unmöglichkeit eines offen antikapitalistischen Widerstands.

Politisches Potenzial der Existenzgeldforderung

Woher bekommt die Existenzgeldforderung ihr politisches Potenzial, wenn einerseits die Gewerkschaften schwach bzw. auf Klassenkompromiss aus sind und wenn andererseits ein offen antikapitalistischer Widerstand nicht möglich erscheint?

Ihr politisches Potenzial erhält die Existenzgeldforderung gerade aus ihrer nicht-antikapitalistischen Komponente, aus der Illusion, ein gutes Leben für alle sei innerhalb des Kapitalismus machbar. Wäre es nicht so, könnte man ja gleich offen antikapitalistisch vorgehen.

Das politische Potenzial der Existenzgeldforderung bezieht sich aus einem nicht-antikapitalistischen Antikapitalismus oder verkürzten Antikapitalismus, der dem Staat die Rolle eines menschenfreundlichen Umverteilers beimisst. Bei solchen Dingen sollte man sofort aufhorchen. Verkürzter Antikapitalismus unter Anrufung des Staates ist historisch mit Antisemitismus und Faschismus verknüpft.

Anthroposophie

Über die Komponente des verkürzten Antikapitalismus kommen Leute wie der Schweizer Unternehmer Daniel Häni und der deutsche Unternehmer Götz Werner ins Spiel, beide Anthroposophen. Es sind nicht nur Einzelpersonen: man kann von einer anthroposophischen Bewegung für Grundeinkommen sprechen.

Die Anthroposophie wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner begründet.

Rudolf Steiner vertrat eine Rassenlehre, “von der sich die Anthroposophische Gesellschaft bis heute nicht distanzierte. Nach dieser «Wurzelrassenlehre» gelten die blonden europäischen Arier als Höhepunkt einer Entwicklung, die insbesondere Indianer, Schwarze, Asiaten und Juden nicht erreicht haben.” ( Aktion Kinder des Holocaust)

Steiner prophezeite dabei eine Auflösung der “Rassen” und gerieht in einen Gegensatz zum Nationalsozialismus.

Steiner 1916 in “Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit - Goethe und die Krisis des 19. Jahrhunderts”:

So wie die Abgründe zwischen den einzelnen Nationen immer mehr und mehr verschwinden, so wie sich die einzelnen Teile der verschiedenen Nationen immer mehr und mehr verstehen, so werden sich auch andere Gruppenseelenhaftigkeiten abstreifen, und immer mehr wird das Individuelle des einzelnen Menschen in den Vordergrund treten. - So können wir sagen, innerhalb der Entwickelung der Menschheit verliert immer mehr und mehr der Begriff, worin sich die Gruppenseelenhaftigkeit am meisten ausdrückt, an Bedeutung, nämlich der Rassenbegriff. Deshalb ist es notwendig, dass diejenige Bewegung, welche die anthroposophische genannt wird, in ihrem Grundcharakter dieses Abstreifen des Rassencharakters aufnimmt, dass sie nämlich zu vereinigen sucht Menschen aus allen Rassen, aus allen Nationen und auf diese Weise überbrückt diese Differenzierung, diese Unterschiede, diese Abgründe, die zwischen den einzelnen Menschengruppen vorhanden sind.

Trotz solcher Äußerungen Steiners erheben Organisationen wie die ‘’Kinder des Holocaust'’ gegen AnthroposophInnen zu verschiedenen Anlässen den Vorwurf des Antisemitismus.

Beispielsweise berichtete die Jüdische Rundschau im Januar 2000:

Anthroposophen tun sich in den letzten Jahren im Umgang mit Antisemitismus schwer. Eine einschlägige Monografie zum Thema veröffentlichte 1931 der Steiner-Schüler Ludwig Thieben unter dem Titel “Rätsel des Judentums”. Thieben konvertierte vom Judentum zum Christentum, um sich dann der Anthroposophie zuzuwenden. Sein Buch kam wenige Jahre nach der Neuauflage (1991) in nicht-anthroposophische Hände. Zum Erstaunen des Verlegers entbrannte eine öffentliche Diskussion nicht nur über die antijüdischen Theorien und antisemitischen Klischees in Thiebens Buch, sondern auch über die schreckliche Verschärfung dieser Thesen durch das Vorwort des Verlegers: wohlgemerkt 1991. Die Thesen des Verlegers gipfeln im schrecklichen Gedanken, dass das Leiden und die Morde in der Schoa uns die Augen öffnen sollen für die “Grosstaten” Christi, von denen Herzl geträumt habe (eine unfaire Fremdbestimmung Herzls), “so könnte der beste, sich fortentwickelnde Teil des Judentums sein, der dem Deutschtum in Zukunft bei der Verwirklichung seiner wahren Aufgaben beisteht” (S. 254). Diese Theorie ist nicht einfach abwegig. Sie verletzt die Ehre der Toten. Sie stört das Gedenken der Trauernden. Die Opfer sollen ihren Sinn in der Tradition der Täter erhalten?! Die Schoa soll eine esoterische Sinngebung erhalten?!

Eine andere Auseinandersetzung drehte sich um Stefan Leber. Leber ist Mitglied im Vorstand des Bundes der Waldorfschulen und Verfasser des Werkes «Anthroposophie und Waldorfpädagogik in den Kulturen der Welt». Darin schreibt Leber Sätze wie: «Das Triebleben“ des Schwarzen mit seiner stoffwechselhaften, bewegungsfähigen Natur wird nur scheinbar abschätzig beurteilt (bei Rudolf Steiner): in Wirklichkeit erweist es sich als Überlegenheit und Vorzug, nämlich als Schutz vor dem Fall in den Materialismus und damit auch den Sozialdarwinismus, dem der Weisse leicht erliegt.» (antifa bern)

Resümee und Vorschlag

Eine politische Forderung muss auch danach bemessen werden, welche Bündnisse sie erzeugt. Man kann nicht einfach sagen: “Dafür kann die Forderung doch nichts, dass sie auch offene Flanken zu diesem und jenem hat.” Man muss fragen: “Welche Eigenschaften hat die Forderung, dass sie solche offenen Flanken hat”?

Was an der Existenzgeldforderung nicht stimmt, ist m.E. zusammengefasst:

  • Das Potenzial, eine allgemeine Lohnsenkung durchzusetzen, unter der v.a. Nicht-StaatsbürgerInnen leiden würden
  • die Anrufung des kapitalistischen Staates als Instanz, die Verteilungsgerechtigkeit umsetzen soll
  • die Vermeidung einer konkret antikapitalistischen Aussage, d.h. die Nichtantastung der Frage nach dem Besitz an den Produktionsmitteln und Reduzierung des Problems des Kapitalismus’ auf die Verteilungssphäre

Jetzt kommt gleich wieder der Affekt: Hier werden Forderungen abgelehnt, nur weil sie “nicht revolutionär genug” sind. Aber der Haken ist ein anderer:

Sollte es gelingen, die Existenzgeldforderung in den Gewerkschaften zu verankern, so würde sie in eine standortkompatible, gegen MigrantInnen gewendete Form umgebogen, die den ursprünglichen Intentionen zuwiderläuft. Das ist vorgezeichnet, gerade weil die Kraft fehlt, offen antikapitalistisch zu sein. Fehlte aber diese Kraft nicht, so wäre es überflüssig, die antikapitalistische Komponente in der Existenzgeldforderung zu verhüllen.

Wenn man die gegenwärtigen Entwicklungen insgesamt betrachtet: Abwicklung der faschistischen Vergangenheit, Zunahme der juristischen Willkür, Verlust bürgerlich-demokratischer Werte, Militarisierung und Kriegseinsätze, antiamerikanische Ressentiments, antiislamische Ressentiments, Klimawechsel und drohende Energieprobleme, Verarmung, Ausbau staatlicher Kontrollen in den verschiedensten Lebensbereichen, Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft … kommt etwas heraus, gegen das ohne eine antikapitalistische Ausrichtung der Gewerkschaften nichts zu machen ist.

Die gegenwärtige Haltung der deutschen Gewerkschaften führt in die Katastrophe. Sogar eine reformistische Neuausrichtung der Gewerkschaften führte in die Katastrophe, weil die Verwirklichung eines neuartigen “Sozialpartnerschafts”-Modells eine gesellschaftliche Formierung gegen die nichteuropäische Umwelt erfordern würde, gegenüber der die “Sozialpartnerschaft” mit militärischen Mitteln zu verteidigen wäre.

Um die Haltung der Gewerkschaften praktisch zu ändern, ist ein Zusammengehen mit den Erwerbsloseninitiativen erforderlich. Konkret: wo immer eine betriebliche Auseinandersetzung stattfindet, sollten die Beschäftigten in die örtlichen Initiativen gehen und um Solidarität bitten; und umgekehrt sollten die örtlichen Initiativen sich in den Betrieben bemerkbar machen.

Darüber könnte der kapitalistische Arbeitsethos geknackt werden. Aber man muss diesen Ethos direkt zur Sprache bringen und darf diese Frage nicht für den Scheingewinn einer größeren AnhängerInnenschaft in einer scheinbar nicht antikapitalistischen Forderung verpacken, weil das Wesentliche dann in einem Loch verschwindet.

Analoges trifft auf die Rechte von MigrantInnen zu: das muss direkt gefordert und in die Gewerkschaften eingebracht werden. Gleiche Rechte für MigrantInnen nicht direkt zu fordern, heißt, sie nicht direkt zu fordern, und wird nicht dazu führen, dass sie einmal direkt gefordert werden können. Ein konkreter Schritt in diese Richtung wäre, bei allen Auseinandersetzungen um Erhalt von Arbeitsplätzen in der Bundesrepublik einen globalen solidarischen Bezug zum Ausdruck zu bringen, damit solche Auseinandersetzungen nicht eine nationalistische Ideologie fördern. Nationalismus ist eine unvermeidliche Konsequenz von Arbeitsplatz-Forderungen und Arbeitsplatz-Forderungen sind die Konsequenz nicht-anikapitalistischer Widerständigkeit. Eines der Anliegen der Existenzgeldforderung ist es ja, diesen Zusammenhang zu erschüttern, doch kommt dieses Anliegen im gegenwärtigen politökonomischen Feld in der Form der Existenzgelforderung ziemlich schräg rüber.

Es wäre weiterhin nötig, vom Staat als Hersteller sozialen Ausgleichs wegzukommen und von den Gewerkschaften als für die Beschäftigten stellvertretend Handelnde. Der heutige Staat ist nicht mehr der scheindemokratische aus der Ära scheinbar unbegrenzten Wirtschaftswachstums. Der heutige Staat entmündigt die Bevölkerung, installiert mit der Gesundheitsreform und der “Du bist Deutschland”-Kampagne eine Volksgemeinschaftsideologie, hebelt das Grundgesetz aus, richtet sich auf Kriege ein, bastelt an einer Diktatur. Die Gewerkschaftsspitzen arbeiten dem zu und verhindern aktiv, dass Arbeitskämpfe Formen annehmen, die Besitzverhältnisse an Produktionsmitteln antasten könnten. Nur selber machen kann da noch helfen: selber als Betriebsgruppe ein Flugblatt oder eine Internetseite oder eine Reise machen; selber mit der Erwerbslosenini einen Stand organisieren; selber entscheiden, eine Blockade zu machen usw. usf. Dies alles passiert ja bereits.

Heinrich Karl von Schimmelmann

11. Dezember 2006

Wie Schimmelmann Reichtum erlangte

Heinrich Karl von Schimmelmann war zunächst Heereslieferant des preußischen Königs Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg.

Durch “seine Kenntnis und Geschicklichkeit im Steuerfach”, heißt es in der Allgemeinen Deutsche Biographie von 1875, wusste er sich “bei dem preußischen Kriegskommissariat nutzbar und beliebt zu machen und übernahm zusammen mit F. B. Schönberg v. Brenkenhoff die Hauptgetreidelieferungen für die preußische Armee.”

In der Folgezeit vermehrte Schimmelmann seinen Reichtum, so die Allgemeine Deutsche Biographie

  • durch Weiterverkauf der von Friedrich II. “konfiszierten” Vorräte der Meißner Porzellanmanufaktur
  • als Zwischenstation für Hilfszahlungen aus England an Friedrich II.
  • indem er Münzen mit zu niedrigem Silbergehalt und falschem Stempel fertigen ließ
  • in seiner Funktion als Schatzmeister des dänischen Königshauses, die ihm u.a. die Güter Ahrensburg und Wandsbek sowie die dänischen Plantagen auf den westindischen Inseln (heute United States Virgin Islands) einbrachte
  • in “seiner Doppelstellung als hamburgischer Kaufmann und dänischer Staatsmann”, die ihm ermöglichte, den Kurs des dänischen Papiergeldes zu kontrollieren

Die Allgemeine Deutsche Biographie von 1875 schließt den Beitrag über Heinrich Karl von Schimmelmann mit folgendem Resümee:

“Manche der von ihm veranlassten Maßregeln: die sogenannte Kopfsteuer (1 Reichstaler jährlich die Person ohne Unterschied des Standes und Vermögens), die Umwandlung der Kopenhagener Privatbank in eine königliche und die danach folgende beliebige Vermehrung des Papiergeldes, die teilweise oder gänzliche Entwertung kupferner Scheidemünze, welche in Kopenhagen und Hamburg Aufläufe hervorrief, die Zahlenlotterie in Kopenhagen, Wandsbek und Altona dürften nicht allein von heutigen Gesichtspunkten aus bedenklich erscheinen. Doch wird andererseits nicht zu leugnen sein, dass Schimmelmanns Beispiel und Kapital wesentlich zur Hebung des Handels und Gewerbefleißes mitgewirkt haben.”

“Handel und Gewerbefleiß” wurden durch Schimmelmann unter anderem auf dem Gebiet der Sklaverei “gehoben”.

Schimmelmann, so das Hamburger Ärzteblatt 12/03, war einer der größten Sklavenhändler seiner Zeit. In Ahrensburg und Wandsbek ließ er unter kostengünstigem Einsatz von Waisenkindern Kattun fertigen. Außerdem war er Fabrikant von Branntwein und Gewehren. Für diese Produkte erwarb er in Afrika Menschen, die er dann in Amerika und Westindien verkaufte oder auf den eigenen Zuckerplantagen arbeiten ließ, hin- und wieder auch an europäische Adelige auslieferte.

Schimmelmanns Nachfahren

Schimmelmann galt zu Lebzeiten als reichster Mann Europas. Ein Teil seines Vermögens ging beim Staatsbankrott Dänemarks 1813 verloren. Wie es in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1875 heißt, hatte der älteste Sohn Schimmelmanns, Ernst Heinrich, als dänischer Finanzminister den Bankrott durch die “maßlose Vermehrung des unfundierten Papiegeldes” mitzuverantworten.

Graf Ernst Heinrich von Schimmelmann, der Friedrich Schiller drei Jahre lang mit einer Hilfe zum Lebensunterhalt bedachte (insgesamt wohl rund 1500 Taler - entsprechend rund 6 Stück Sklaven), wird bis heute als Menschenfreund gezeichnet. Er ist Initiator des ab 1803 geltenden Verbots für dänische Untertanen, Menschenhandel zu betreiben. Laut Hamburger Ärzteblatt 12/03 betätigte er sich zuvor ziemlich rege in diesem Geschäft, teilweise heimlich und unter Gefährdung der Neutralitätspolitik Dänemarks im Englisch-Spanischen Krieg. Das Handelsverbot wird als Reaktion auf den nicht mehr zu gewinnenden Konkurrenzkampf gegen Großbritannien gedeutet. Wenige Jahre später, 1807/08, gaben auch Großbritannien und die USA den transatlantischen Menschenhandel auf. Die Sklaverei auf den United States Virgin Islands wurde allerdings erst 1848 durch den dänischen Gouverneur von Scholten offiziell verboten.

1917 verkaufte Dänemark nach einer Volksabstimmung die Inseln für 25 Mio. US$ an die USA, bevor die USA – so wurde befürchtet – die Gelegenheit des Ersten Weltkrieges nutzen konnte, die Inseln zu annektieren. (Wikipedia)

1857 verkauften die Schimmelmanns das Gut Wandsbek bzw. die Reste davon – bestehend aus einem Schloss, dem Vorwerk Wandsbek, dem Meierhof Mühlenbek, drei Wirtshäusern, mehreren Erbpachtstellen sowie einige Gebäude im Flecken Wandsbek – an den Grundstücksmakler Johann Carstenn, der 1861 das Schloss abreißen ließ. (Peter Dörling)

1938 verkauften die Schimmelmanns das Schloss Ahrensburg in öffentliche Hände, die sofort denkmalpflegerische Instandsetzungen einleiteten. (Schloss Ahrensburg Homepage)

In jenen Jahren taucht ein Karl Hubertus Arndt Graf von Schimmelmann auf, Adjudant von Göbbels und ab 1944 Leiter einer “Germanischen Leitstelle” in Kopenhagen, die der Rekrutierung und Ausbildung “germanischer” SS-Freiwilliger diente.

Ein jüngeres Mitglied derselben Adelsfamilie ist – falls es nicht mehrere Adelsfamilien desselben Namens gibt – Wulf Freiherr von Schimmelmann, zunächst Partner bei McKinsey & Co., heute Vorsitzender des Vorstands der Postbank sowie Mitglied des Vorstands der Deutschen Post AG und Mandatsinhaber bei

  • PB Versicherung AG
  • PB Lebensversicherung AG
  • TCHIBO Holding AG
  • BHW Holding AG
  • Deutsche Post Retail GmbH
  • Deutsche Telekom AG
  • accenture Corp.

(Who is Who, Postbank-Info, DPWN, FTD)

Siehe auch

Gedenken an Schimmelmann in der Bundesrepublik Deutschland

Schloss Ahrensburg

Die Internetseiten der Stiftung Schloss Ahrensburg werben mit dem Slogan: “Lassen Sie sich verzaubern!”

Jüngst führte die Stormarnschule in Ahrensburg ein Unterrichtsprojekt durch, bei dem sich die Kinder einer fünften Klasse in Kinder der Schimmelmanns und in Kinder von deren Dienstpersonal hineinversetzen sollten. Für dieses Projekt erhielt die Klasse von der Jury des Wettbewerbs schule@museum einen Preis. Der Wettbewerb lief bundesweit im Jahr 2006. Gefördert wurde er von der PricewaterhouseCoopers-Stiftung, einer “Initiative der Führungskräfte” der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers Deutschland, die “jungen Menschen einen freien Raum und die Voraussetzungen zur weltoffenen Entwicklung anbieten” will (PwC), und von einem Netzwerk Kinder zum Olymp, einer Kulturstiftung der Bundesländer, die “Kinder und Jugendliche für die Vielfalt unserer Kultur begeistern und damit ihre Kreativität und Fantasie fördern” will.

Jener Aspekt “unserer (?) Kultur”, der es ermöglicht, mit Menschen zu handeln als seien es Waren, sie zu vergewaltigen und ihnen bei Fluchtversuchen die Beine abzuhacken, wurde den Kindern der Stormarnschule nicht vermittelt. Auch die acht “jungen Neger”, die Schimmelmann 1765 nach Ahrensburg verschleppen ließ, um sieben von ihnen in Handwerken auszubilden, die sie als Vorarbeiter auf den Plantagen nutzbar machen sollten, und den achten “hübschen Neeger-Jungen für die gnädige Frau Baronesse” abzustellen (HÄB), kamen nicht vor. Dafür sangen die Kinder im Rahmen einer kostümierten Aufführung immerhin das Lied “Die Gedanken sind frei”. Frei sind die Gedanken aber leider eben nicht, eher verzaubert. Und so sagt im Rollenspiel am Ende des Liedes ein Kind zum anderen, das die Herrschaft von Menschen über Menschen problematisiert hatte: “Ich verstehe dich gar nicht, Johann. Es ist doch wunderschön hier, und uns geht es gut.” (Video)

Eine konkrete Möglichkeit zur Verbesserung der Museumspädagogik bestünde vielleicht darin, unter die “Sachensucher” Gegenstände aufzunehmen, die auf die Sklaverei aufmerksam machen. Diese Gegenstände könnten im Schloss entsprechend der dominanten eurozentristischen Geschichtsauffassung tatsächlich sehr gut versteckt werden. Eine Zusammenarbeit mit Museen der U.S. Virgin Islands bietet sich an (z.B. NPS oder St. Croix).

Heimatmuseum Wandsbek

Im Schuljahr 2002/2003 erstellten SchülerInnen des Charlotte-Paulsen-Gymnasiums für das Heimatmuseum Wandsbek Internetseiten.

Von Sklaverei oder Kattun produzierenden Waisenkindern konnte ich auf den Internetseiten nichts finden, doch vielleicht ist in diesem Bild links unten der atlantische Dreieckshandel dargestellt?

Möglicherweise sind LehrerInnen an Wandsbeker Schulen für Projekte offen, um die Internetseiten und die Ausstellung im Museum selbst so zu verbessern, dass die Bedeutung Schwarzer Menschen für die “Entwicklung” Wandsbeks mit ihren ” zukunftsträchtigen Erwerbsmöglichkeiten” klarer wird. Es gab in Wandsbek z.B. auch eine Schokoladenfabrik. Ein Museum der U.S. Virgin Islands bietet einen Schokoladen-Workshop für Kinder an – nur so als Idee.

Siehe auch

Die Büste zu Wandsbek

“Ein bei der Kopenhagener Börse projektiertes Marmordenkmal [Heinrich Karl von] Schimmelmanns”, heißt es in der Allgemeinen Deutsche Biographie von 1875, “kam nicht zu Stande.”

Anders in Wandsbek. Ein Unternehmen namens Imtech GmbH lieh dem Bezirk Wandsbek eine Büste Schimmelmanns zwecks Ausstellung auf einem öffentlichen Platz, die von den Verantwortlichen dankbar entgegen genommen wurde.

Mehr darüber bei Black Hamburg.

Anscheinend funktioniert die Weiße deutsche Medienlandschaft so, dass in der Öffentlichkeit bekannte Schimmelmanns um eine Stellungnahme zu dieser Auseinandersetzung herumkommen. JournalistInnen scheinen nicht auf die Idee zu kommen, mal nachzufragen, was heutige Schimmelmanns von dieser Sache halten, und Schimmelmann-Nachfahren scheinen nicht auf die Idee zu kommen, die unfreiwillige abstammungsmäßige Verquickung und die sozialen Privilegien, die damit verbunden sind, zur Verbesserung lokaler Geschichtspolitiken auszunutzen.

Imtech

Die Imtech GmBH gehört zur niederländischen Gruppe Imtech N.V. Diese Gruppe bietet mit rund 14.500 MitarbeiterInnen “europaweit Planung, Ausführung, Systemintegration und Service für Gebäude-, Anlagen-, Infrastruktur und Schiffstechnik sowie Informations- und Kommunikationstechnologie” an (Imtech-Info, gelesen 11.12.06)

Zwischen der Hamburger Verwaltung und Imtech bestehen hervorragende Beziehungen, wie aus einer Pressemitteilung der Stadt Hamburg vom Februar 2004 deutlich wird:

“Der neue Hauptsitz des technischen Generaldienstleisters Imtech Deutschland wird in Hamburg gebaut. Die Pläne für die neue Deutschlandzentrale und Hauptniederlassung der Region Nord stellte heute der zuständige Direktor Hans-Joachim Jahn gemeinsam mit dem Projektentwickler und Investor LIP Ludger Inholte Projektentwicklung auf einer Pressekonferenz im Bezirksamt Wandsbek vor. Gleichzeitig hoben sie die gute Zusammenarbeit mit den Hamburger Behörden hervor. Die hervorragende Kooperation habe letztlich den Ausschlag dafür gegeben, die Neuansiedlung in Hamburg zu realisieren. Insbesondere treffe dies auf Senator [Gunnar] Uldall und den Leiter des Bezirksamtes Hamburg-Wandsbek, Gerhard Fuchs, zu, die die nutzungsgerechte und schnelle Umsetzung der Pläne ermöglicht haben.”

Die Auftragslage in Hamburg scheint für Imtech gut zu sein. So realisierte die Firma im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft ein Großprojekt im Airport Hamburg (Architekten24). Auch an der Sanierung des Neuen Walls scheint Imtech beteiligt gewesen zu sein (Bild im Unternehmensreport 2005/06).

Für die Postbank unter Wulf Freiherr von Schimmelmann hat eine Firma der Imtech-Gruppe “eine außergewöhnliche IT-Infrastrukturlösung … umgesetzt”. (Funkschaukongress)

Kleiner Exkurs ins globalisierte E-Government

Im Jahr 2006 übernahm Imtech das Ulmer Unternehmen Fritz & Macziol und seine Schwesterfirma Infoma (Computerpartner). Infoma verkauft eine Software für kommunales finanzmanagement, die “newsystem(R) kommunal” heißt und in immer mehr bundesdeutschen kommunalen Verwaltungen eingesetzt wird (Behördenspiegel).

Ende 2005 ging Infoma auf Initiative von Microsoft eine “strategische Partnerschaft” mit Healy Hudson ein, einem Anbieter von elektronischen Beschaffungssystemen.

“Unsere Kunden im öffentlichen Bereich erwarten von unseren Partnern und Microsoft integrierte und interoperable Lösungen. Mit der Integration der Beschaffungs- und Vergabelösung von Healy Hudson und der Navision-basierten Softwarelösung für das kommunale Finanzwesen von INFOMA erweitern wir das Lösungsspektrum unserer Adaptive Government Solutions ganz entscheidend”, sagte Wolfgang Branoner, Director Public Sector, Microsoft…. Das neue Partnerprodukt wird auch im Rahmen der noch laufenden Veranstaltungsreihe “Neues kommunales Finanzwesen” von Microsoft vorgestellt. (Kommune21)

Inzwischen ist die Hamburger Verwaltung komplett abhängig von Microsoft-Produkten. Microsoft argumentiert dabei mit einer angeblich unabhängigen Studie der Unternehmenberatungsfirma Navigant (Mikrosoft). Doch in deren Geschäftsleitung sitzen Leute aus Anwaltssozietäten, die Microsoft vertreten. (Corporate IR, Vault, Microsoft)

So wenig wie Hamburger LokalpolitikerInnen, scheuen sich auch Bundestagsabgeordnete, für Imtech Reklame zu machen, so Jürgen Klimke beim Besuch von Imtech in Wandsbek. “Politik an der Basis” wird dies genannt.

Um “Politik an der Basis” geht es auch bei der inneren Sicherheit. Imtech verhalf der New Yorker Polizei zu einem “Real Time Crime Center”. Auf einem riesigen Bildschirm können sich dabei die Beamten rund um die Uhr in Echtzeit Videos öffentlicher Plätze anschauen und mit Verwaltungs- und Polizeidaten abgleichen.

“Das Zentrum wird hochentwickelte Informationstechnologien einsetzen, um entstehende Kriminalität schnell zu identifizieren und zu beenden”, sagt New Yorks Bürgermeister Bloomberg. “Es wird der Polizei helfen, gefährliche Kriminelle zu fangen, bevor sie andere verletzen können.” (Imtech)

Kleiner Exkurs ins globalisierte New York

Bloomberg wurde vor kurzem von einer breiten Elternbewegung gezwungen, Mittel bereit zu stellen, damit schulische Unterlagen an die Eltern standardmäßig ins Spanische, Jiddische, Russische, Chinesische und in andere Sprachen übersetzt werden.

Eine entsprechende Eingabe war von der Mehrheit des New Yorker Senats (City Council) befürwortet worden, scheiterte aber am Veto des Bürgermeisters. Etwa ein Viertel aller Eltern in New York kann aufgrund von Sprachbarrieren die schulische Ausbildung ihrer Kinder nicht mitvollziehen.

(Gothamgazette 6.2.06, Gothamgazette 1.6.05, Maketheroad)

Nicht nur die guten Beziehungen zu staatlichen Organen hat Imtech mit Heinrich Carl von Schimmelmann gemein. Imtech ist wie einstmals Schimmelmann Zulieferer des Militärs.

Eine Firma der Imtech-Gruppe, die Imtech Marine & Offshore BV, hilft bei der Ausrüstung deutscher, britischer, niederländischer, polnischer, singapurischer und indonesischer Kriegsschiffe. (Naval Technology)

Andere Firmen der Gruppe helfen wiederum – oder ergänzend, wie man’s nimmt – bei der Ausrüstung von Krankenhäusern (Energiesparendes KH).

Mit den Rüstungsanstrengungen von Imtech mag ein Brandanschlag zusammen hängen, der Mitte 2005 auf Fahrzeuge von Imtech verübt wurde. (Die Welt 7.3.06)

Imtech’s Aktivitäten im Bereich der Rüstung haben auch in Wandsbek Tradition. Die Imtech GmbH entstand 2002 aus einem Zusammenschluss der Wandsbeker Firma Rudolf Otto Meyer (ROM) und der Firma Rheinelektra Technik.

In dem Buch „Wie geschmiert - Rüstungsproduktion und Waffenhandel im Raum Hamburg“ (1998) steht über ROM:

“ROM wurde 1858 auf der Hamburger Elbinsel Peute von Rudolph Otto Meyer als Heizungsfirma gegründet. In einer Anzeige von 1978 behauptete ROM, man sei “seit 1917 ununterbrochen für deutsche und ausländische Werften im Marineschiffbau tätig”, was vermutlich nicht ganz korrekt ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ROM als ehemaliger Rüstungsbetrieb auf die Demontageliste gesetzt; es erfolgte aber nur eine Teildemontage. (Alan Kramer: Die britische Demontagepolitik am Beispiel Hamburgs 1945-1950, Hamburg 1991, S. 230 u. 380f.)”

“Während ROM in den 70er Jahren noch offensiv mit seinen wehrtechnischen Aktivitäten beim Kriegsschiff- und Bunkerbau warb (Wehrtechnik Nr. 11/1975, S. 604; Handbuch der Bundeswehr, Koblenz/Bonn 1978 - Anzeige), hat das Unternehmen später über diese nicht mehr viel hören lassen.

Seit Oktober 1992 ist die auf Schiffs-Kältemaschinen spezialisierte VSG Verfahrenstechnik für Schiffsbetrieb GmbH eine 100prozentige Tochter von ROM. Die VSG (frühere Anschrift: Heselstücken 17 in Gross Borstel) besitzt eigene Rüstungserfahrung: Sie hat für die MEKO-Exportfregatten von Blohm + Voss eine neue Generation von sog. Kaltwassersätzen entwickelt und gefertigt. Jede MEKO 360 (geliefert an Nigeria und Argentinien) erhielt 38 Airconditioning- und Kühlanlagen von VSG; einige von ihnen waren für die Munitionskammern der Schiffe bestimmt.( Anzeigen in: International Defence Eqipment Catalogue 1985/86, Vol. III S. 493; Naval Forces Special Supplement Blohm + Voss 1988, S. 38)

Schiffskälteanlagen wird ROM auch zum anstehenden Bau der Fregattenklasse 124 beisteuern.”

Imtech Marine & Industry, Niederlande, wird in einem Dokument der Universität Bremen aus dem Jahr 2001 als “wesentlicher Zulieferer” der Fregattenklasse 124 aufgeführt .

Schimmelmann-Denkmal entfernt

Im Sommer 2008 entschied die Bezirksversammlung von Hamburg-Wandsbek, das Schimmelmann-Denkmal zu entfernen.

Das Kunstprojekt wandsbektransformance schreibt dazu:

Und plötzlich ist der Bronze-Kopf in der Sommerpause verschwunden, der Verbleib nicht herauszufinden. Sollte die mit obrigkeitlichem Gestus erfolgte Installation der Büste einen Sklavenhändler zur imageträchtigen Heimatfigur stilisieren, so sollte die klammheimliche Demontage nun offenbar eine angemessene Dokumentation dieses merkwürdigen Vorgangs verhindern. Forcierte Mythisierung und Verdrängung liegen nahe beieinander.

In der Geschichte kolonialer Denkmalsetzungen gibt es wohl kein zweites Kolonialdenkmal, das - gerade errichtet - nach kaum mehr als zwei Jahren auf öffentlichen Druck hin amtlich wieder abgebaut wird. Aus der Büste wird somit ein Zeitdokument, das es zu beleuchten gilt. Was bedeuten die Proteste, wie wirken sie auf öffentliche Bewusstwerdung? Wo ist die abgelegte Büste abgeblieben, wo kann sie kontextualisiert unterkommen? Welche Gedenkkultur brauchen wir?

Weitere Infos bei Wikipedia.